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"Die Presse" - Leitartikel: Berufsheer, eine Frage des Auftrags und des Personals, von Wieland SCHNEIDER
Ausgabe vom 19.08.2012
Utl.: Ausgabe vom 19.08.2012=
Wien (OTS) - Ein Berufsheer für Österreich kann durchaus sinnvoll
sein. Ein solches Heer hinzuzimmern, ohne zu wissen, was man damit
will, hat aber wenig Sinn.
Der Aufruf in der "Washington Post" sorgte für Aufsehen. Angesichts
der verfahrenen Lage im Irak trafen US-Offiziere, die im
Zweistromland gekämpft hatten, eine provokante Feststellung:
Entweder die USA ziehen aus dem Irak ab, oder sie erhöhen dort die
Truppenzahl drastisch. Dafür bräuchten die US-Streitkräfte aber mehr
Soldaten, und die bekommen sie nur, wenn sie wieder Personen auch
gegen deren Willen einziehen, argumentierten die Offiziere. Nach dem
Vietnamkrieg wurde in den USA die Wehrpflicht ausgesetzt. Alle
jungen Männer müssen sich zwar registrieren lassen, zum Militär
kommen aber ausschließlich Freiwillige.
Eingetreten ist keines der beiden Szenarien, die die Unterzeichner
des Aufrufs von 2007 angedacht haben: Die USA blieben noch einige
Jahre im Irak - ohne erneute Zwangsverpflichtung von Soldaten. Die
langen und aufreibenden Einsätze im Irak und in Afghanistan führten
den USA aber vor Augen, dass selbst einer Supermacht, die sich ein
gigantisches Profiheer leistet, irgendwann die Soldaten auszugehen
drohen.
Vor allem die Mission im Irak zeigte aber noch ein anderes Problem
des amerikanischen Systems auf: Die US-Streitmacht hatte keinerlei
Probleme, Saddam Husseins Truppen zu zerschlagen. Sie verfügte über
die nötigen Hightech-Waffen und ihre höheren Offiziere gehören zu
den bestausgebildeten der Welt. Viele der einfachen US-Soldaten, die
für eine Kampfsituation gut trainiert sind, schienen aber nach dem
Sieg mit ihrer Rolle als Besatzer überfordert.
Diese jungen Männer und Frauen hatten nie besondere Bildung genossen
und im Soldatenberuf eine Aufstiegschance gefunden. Iraks komplexes
kulturelles Umfeld stellte sie vor Schwierigkeiten. Einwohner
Bagdads wussten bereits im Juli 2003 von diversen Verfehlungen der
GI zu erzählen: etwa, dass Soldaten Kindern Pornohefte geschenkt
hatten. Eine Dummheit, die freilich in konservativen irakischen
Familien als gezielte Provokation ausgelegt wurde.
Mangels einer ausreichenden Zahl von Bewerbern haben auch
europäische Berufsheere bei IQ-Tests immer wieder die Qualifikation
der Rekruten herabsetzen müssen. Trotz aller Schwierigkeiten können
all diese Heere - gerade auch das amerikanische - die an sie
gestellten Aufgaben erfüllen. Vor allem Streitkräfte, die auf
Freiwilligkeit basieren, müssen sich aber mit Fragen wie diesen
herumschlagen: Welche Männer und Frauen will man für das Militär,
wie viele braucht man, wie bekommt man sie?
Damit müsste sich auch Österreich intensiver beschäftigen, sollte es
tatsächlich auf ein Berufsheer umstellen. Um diese Fragen zu
beantworten, muss aber zunächst festgelegt werden, was dieses Heer
können soll. Das Bundesheer wird niemals dieselben Aufgaben haben
wie die US-Streitkräfte. Das liegt auf der Hand. Darüber, was genau
die Politik von Österreichs Armee will, herrscht aber schon viel
weniger Klarheit.
Soll das Heer tatsächlich nach wie vor auf sich allein gestellt und
außerhalb eines Bündnisses den Auftrag der Landesverteidigung
erfüllen können? Das bräuchte eine große und teure Berufsarmee. Oder
soll es im Ernstfall die Hilfe von Verbündeten in Anspruch nehmen
können? Dann müsste es Kapazitäten haben, bei der Verteidigung
anderer Länder mithelfen zu können. Und Österreich müsste sich auch
offiziell von den Resten seiner Neutralität verabschieden.
Es scheint unbestritten, dass Auslandsmissionen eine wichtige
Aufgabe des Bundesheeres sind. In Verträgen mit der EU hat sich
Österreich auch grundsätzlich zu einer breiten Einsatzpalette
verpflichtet. Darüber, dass man nur an Missionen teilnimmt, die der
UN-Sicherheitsrat abgesegnet hat, herrscht Konsens. Im Detail wurde
zwischen den politischen Parteien aber nie ausdiskutiert, in welche
Art von Einsätzen das Heer gehen soll. Das geschieht immer nur
anlassbezogen, etwa beim heftig umstrittenen Tschad-Einsatz 2009.
Dort wurde erst richtig diskutiert, als die Soldaten schon mit einem
Feldschuh auf dem Wüstenboden standen.
Diese Fragen müssen rasch geklärt werden. Ein Berufsheer für
Österreich kann durchaus Sinn haben. Ein solches Heer irgendwie
hinzuzimmern, ohne zu wissen, was man damit genau will, ist aber
wenig sinnvoll.
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