TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 24. August 2012, von Peter Nindler: "Zwischen Vernunft und Millionen"

Innsbruck (OTS) - Die Naturgefahren im alpinen Tirol lassen sich nicht wegdiskutieren, bestenfalls zähmen. Doch dafür sind jährlich zig Millionen Euro notwendig. Dass der Rechnungshof deshalb Baulandrückwidmungen vorschlägt, ist verständlich.

Unwetter und die daraus resultierenden Verwüstungen ganzer Ortsteile wie im steirischen St. Lorenzen haben im heurigen Sommer mit zerstörerischer Kraft die Grenzen der Naturbeherrschung aufgezeigt. Am Ende stehen die Bewohner vor dem Nichts und für die Sicherheit mit Restrisiko müssen allein in der obersteirischen Ortschaft 60 Millionen Euro aufgewendet werden. Hochwasserschäden und Murenkatastrophen begleiten Tirol ebenfalls Jahr für Jahr, obwohl in den vergangenen Jahren durchschnittlich 35 Millionen jährlich in die Errichtung von Lawinen- und Wildbachverbauungen investiert wurden. Angesichts von 12 Prozent siedelbarer Fläche im gebirgigen Tirol kam der Siedlungsraum den Naturgefahren von Lawinen und Wildbächen jedoch gefährlich nahe. Zu nahe. Dass die Politik die Menschen davor schützen muss, ist jedoch breiter Konsens, wenngleich der Klimawandel neue Bedrohungen geschaffen hat. Deshalb wirft der Bundesrechnungshof punktgenau die Frage von zukunftsfähigen Vorbeugemodellen auf: Millionen in Schutzbauten investieren oder geordneter Rückzug? Denn das Bauen in der gelben Zone ist vielfach für den Einzelnen mit Auflagen möglich und wird gleichsam durch teure Schutzbauten großflächig ermöglicht. Nur das Restrisiko bleibt trotz der weit verbreiteten Vollkaskomentalität aufgrund der Unberechenbarkeit der Natur und des allseits sichtbaren Klimawandels. Nicht, dass der Rechnungshof das Land Tirol auf Neuland führt, im Landesentwicklungsplan "ZukunftsRaum Tirol" wurde das Risikomanagement schon längst aufgelistet. Doch wie in vielen anderen Raumordnungs- und Entwicklungsfragen fielen die ZukunftsRaum-Ideen, die vielleicht politisch weh tun, aber nichtsdestotzrotz richtig sind, der Konsenspolitik zum Opfer. Der Rechnungshof legt deshalb den Finger auf eine offene Wunde: Das Bauland soll in den gelben Zonen zurückgewidmet werden. Natürlich wird es Grenzfälle geben, doch diese müssten verringert werden. Letztlich geht es darum, Millionen dort einzusparen, wo es weniger schmerzt, und dort einzusetzen, wo der Schutz vordringlich ist. Ein Naturgefahrenmanagement, eingebettet in eine Gesamtstrategie - der Rechnungshof nennt es lokales Klimamodell mit Anpassungsstrategien -, macht schließlich Sinn. Hier besteht Nachholbedarf in Tirol. Eigentlich unverständlich, weil für Zukunftsfragen bereits vor Jahren ein eigenes Büro im Landhaus eingerichtet wurde.

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