"Die Presse" - Leitartikel: Eine kommunistische Pekingoper, von Michael Laczynski

Ausgabe vom 21.08.2012

Wien (OTS) - Der Mordprozess gegen Gu Kailai war in Wirklichkeit
ein Prozess gegen ihren Mann, Bo Xilai, der es gewagt hat, in der KP nach der Macht zu greifen.

Gemessen an historischen Vorbildern war die Gerichtsverhandlung gegen Gu Kailai eine bescheidene Angelegenheit. Die Richter in der chinesischen Provinzhauptstadt Hefei brauchten nur sieben Stunden, um zum Schluss zu kommen, dass die Ehefrau des in Ungnade gefallenen KP-Bonzen Bo Xilai ihren britischen Geschäftspartner Neil Heywood in der Tat vergiftet hatte. Medien waren bei dem (im wahrsten Sinne des Wortes) kurzen Prozess nicht willkommen, das gestern verkündete suspendierte Todesurteil auch nicht wirklich überraschend. Wie Gideon Rachman, der außenpolitische Kommentator der "Financial Times", treffend anmerkte, entsprach das nahezu zeitgleich in Moskau geführte Verfahren gegen die Polit-Punkerinnen von Pussy Riot eindeutig mehr der Blaupause eines kommunistischen Schauprozesses.
Doch möglicherweise orientierten sich die Regisseure der Aufführung in Hefei nicht an dem stalinistischen Ideal, sondern folgten den Spielregeln des viel älteren Genres der Pekingoper - einer hochstilisierten Angelegenheit, deren Codes nur für Eingeweihte zu dechiffrieren sind. Welche Bedeutung hat beispielsweise die Tatsache, dass man die verurteilte Giftmörderin nicht kahl scheren ließ, wie es in Chinas Strafvollzug Usus ist? Als Outsider kann man nur Vermutungen anstellen: etwa die, dass Gu Kailais Haarpracht eine versteckte Botschaft an ihren Ehemann ist, der seit seiner Demontage als Mitglied des Politbüros und Parteichef von Chongqing von der Bildfläche verschwunden ist. Aber vielleicht war der Gefängnisfriseur von Hefei einfach nur im Urlaub.
Klarheit (sofern man das Wort im Zusammenhang mit China überhaupt in den Mund nehmen darf) gibt es in dieser Angelegenheit eigentlich nur in einem einzigen Punkt: Der Prozess gegen Gu Kailai war in Wirklichkeit ein Prozess gegen Bo Xilai. Der Sohn eines Weggefährten von Mao Tse-tung hat es gewagt, das Regime der Pekinger Parteielite herauszufordern. Seine populistische Kampagne gegen Korruption in der 30-Millionen-Metropole Chongqing samt Wiederbelebung des Mao-Kults war nichts anderes als ein Griff nach der Macht. Bo, der rasch zum Hoffnungsträger des linksnationalistischen KP-Flügels wurde, machte kein Hehl aus seinem Wunsch nach einem Posten im Ständigen Ausschuss des Politbüros, der neunköpfigen Befehlszentrale der Volksrepublik. Doch damit brachte er die parteiinterne Balance der Macht durcheinander und die Pragmatiker in der Partei gegen sich auf -Männer wie Regierungschef Wen Jiabao, denen politische Gewaltmärsche ein Gräuel sind.
Welcher Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht hat, werden wir wohl nie erfahren. Es gibt Spekulationen darüber, dass Bo es gewagt hat, Telefongespräche von Staats- und Parteichef Hu Jintao abhören zu lassen. Andere Beobachter verweisen auf seine demonstrativen Auftritte mit Spitzen des chinesischen Militärs. Für die Partei ist die Volksbefreiungsarmee der Garant für den Machterhalt. Wer versucht, die Streitkräfte in parteiinterne Machtkämpfe zu involvieren, begeht demnach ein Sakrileg.
Wie es mit dem gefallenen roten Erzengel weitergeht, wird sich erst weisen. Die suspendierte Todesstrafe gegen seine Frau und die zeitgleich gefällten Urteile gegen hohe Polizeibeamte von Chongqing wegen Beihilfe und Vertuschung sind wohl ein Druckmittel - gegen Bo selbst wurde keine Anklage erhoben, ihm werden bis dato nur nicht näher genannte disziplinäre Verstöße zur Last gelegt. Doch er weiß genau, dass er rasch in die Schusslinie geraten kann, sollte er es wagen, die bevorstehende Wachablöse an der Spitze von Staat und Partei zu stören.

Denn das Schaustück vom Aufstieg und Fall des Bo Xilai war nur ein dramatisches Vorspiel zu einem viel bedeutsameren Spektakel. Irgendwann im Lauf der kommenden Monate werden neun Herren in schwarzen Anzügen und mit schwarz gefärbten Haaren auf der Bühne der Großen Halle des Volkes in Peking erscheinen, begleitet vom tosenden Applaus der versammelten Apparatschiks. Und anders als in der Causa Bo werden die Spielregeln dieses Mal klar sein: Wer als Erster die Bühne betritt, hat für die nächsten zehn Jahre das Sagen.

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