• 20.08.2012, 18:27:00
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"Die Presse" - Leitartikel: Eine kommunistische Pekingoper, von Michael Laczynski

Ausgabe vom 21.08.2012

Wien (OTS) - Der Mordprozess gegen Gu Kailai war in Wirklichkeit
ein Prozess gegen ihren Mann, Bo Xilai, der es gewagt hat, in der KP
nach der Macht zu greifen.

Gemessen an historischen Vorbildern war die Gerichtsverhandlung gegen
Gu Kailai eine bescheidene Angelegenheit. Die Richter in der
chinesischen Provinzhauptstadt Hefei brauchten nur sieben Stunden, um
zum Schluss zu kommen, dass die Ehefrau des in Ungnade gefallenen
KP-Bonzen Bo Xilai ihren britischen Geschäftspartner Neil Heywood in
der Tat vergiftet hatte. Medien waren bei dem (im wahrsten Sinne des
Wortes) kurzen Prozess nicht willkommen, das gestern verkündete
suspendierte Todesurteil auch nicht wirklich überraschend. Wie Gideon
Rachman, der außenpolitische Kommentator der "Financial Times",
treffend anmerkte, entsprach das nahezu zeitgleich in Moskau geführte
Verfahren gegen die Polit-Punkerinnen von Pussy Riot eindeutig mehr
der Blaupause eines kommunistischen Schauprozesses.
Doch möglicherweise orientierten sich die Regisseure der Aufführung
in Hefei nicht an dem stalinistischen Ideal, sondern folgten den
Spielregeln des viel älteren Genres der Pekingoper - einer
hochstilisierten Angelegenheit, deren Codes nur für Eingeweihte zu
dechiffrieren sind. Welche Bedeutung hat beispielsweise die Tatsache,
dass man die verurteilte Giftmörderin nicht kahl scheren ließ, wie es
in Chinas Strafvollzug Usus ist? Als Outsider kann man nur
Vermutungen anstellen: etwa die, dass Gu Kailais Haarpracht eine
versteckte Botschaft an ihren Ehemann ist, der seit seiner Demontage
als Mitglied des Politbüros und Parteichef von Chongqing von der
Bildfläche verschwunden ist. Aber vielleicht war der Gefängnisfriseur
von Hefei einfach nur im Urlaub.
Klarheit (sofern man das Wort im Zusammenhang mit China überhaupt in
den Mund nehmen darf) gibt es in dieser Angelegenheit eigentlich nur
in einem einzigen Punkt: Der Prozess gegen Gu Kailai war in
Wirklichkeit ein Prozess gegen Bo Xilai. Der Sohn eines Weggefährten
von Mao Tse-tung hat es gewagt, das Regime der Pekinger Parteielite
herauszufordern. Seine populistische Kampagne gegen Korruption in der
30-Millionen-Metropole Chongqing samt Wiederbelebung des Mao-Kults
war nichts anderes als ein Griff nach der Macht. Bo, der rasch zum
Hoffnungsträger des linksnationalistischen KP-Flügels wurde, machte
kein Hehl aus seinem Wunsch nach einem Posten im Ständigen Ausschuss
des Politbüros, der neunköpfigen Befehlszentrale der Volksrepublik.
Doch damit brachte er die parteiinterne Balance der Macht
durcheinander und die Pragmatiker in der Partei gegen sich auf -
Männer wie Regierungschef Wen Jiabao, denen politische Gewaltmärsche
ein Gräuel sind.
Welcher Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht hat, werden wir wohl
nie erfahren. Es gibt Spekulationen darüber, dass Bo es gewagt hat,
Telefongespräche von Staats- und Parteichef Hu Jintao abhören zu
lassen. Andere Beobachter verweisen auf seine demonstrativen
Auftritte mit Spitzen des chinesischen Militärs. Für die Partei ist
die Volksbefreiungsarmee der Garant für den Machterhalt. Wer
versucht, die Streitkräfte in parteiinterne Machtkämpfe zu
involvieren, begeht demnach ein Sakrileg.
Wie es mit dem gefallenen roten Erzengel weitergeht, wird sich erst
weisen. Die suspendierte Todesstrafe gegen seine Frau und die
zeitgleich gefällten Urteile gegen hohe Polizeibeamte von Chongqing
wegen Beihilfe und Vertuschung sind wohl ein Druckmittel - gegen Bo
selbst wurde keine Anklage erhoben, ihm werden bis dato nur nicht
näher genannte disziplinäre Verstöße zur Last gelegt. Doch er weiß
genau, dass er rasch in die Schusslinie geraten kann, sollte er es
wagen, die bevorstehende Wachablöse an der Spitze von Staat und
Partei zu stören.

Denn das Schaustück vom Aufstieg und Fall des Bo Xilai war nur ein
dramatisches Vorspiel zu einem viel bedeutsameren Spektakel.
Irgendwann im Lauf der kommenden Monate werden neun Herren in
schwarzen Anzügen und mit schwarz gefärbten Haaren auf der Bühne der
Großen Halle des Volkes in Peking erscheinen, begleitet vom tosenden
Applaus der versammelten Apparatschiks. Und anders als in der Causa
Bo werden die Spielregeln dieses Mal klar sein: Wer als Erster die
Bühne betritt, hat für die nächsten zehn Jahre das Sagen.

Rückfragehinweis:
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