- 16.08.2012, 17:59:28
- /
- OTS0182 OTW0182
"Die Presse" - Leitartikel: WikiLeaks, oder die Mär von der unparteiischen Information, von Michael Laczynski
Ausgabe vom 17.8.2012
Wien (OTS) - Julian Assanges "Nachrichtendienst für das Volk"
sollte eine Fackel der Demokratie sein. Stattdessen wurde er zur
digitalen Keule der Amerika-Hasser.
Die Idee war bestechend einfach und die Anfänge vielversprechend: Ein
"Nachrichtendienst für das Volk" schwebte jenen enthusiastischen
Weltverbesserern vor, die im Jahr 2006 einen digitalen Postschalter
im World Wide Web geöffnet hatten. Die Internetplattform WikiLeaks
war als Anlaufstelle für Informanten rund um den Globus konzipiert,
die unter dem Schutz der Anonymität vermeintliche Missstände in
Institutionen, Unternehmen und Regierungen bloßstellen wollten.
WikiLeaks-Mitbegründer Julian Assange, der in der verschworenen
Onlinegemeinde die Rolle des charismatischen Wanderpredigers
übernahm, sprach fortan von den Segnungen der totalen Transparenz und
der demokratisierenden Wirkung der puren, ungefilterten Information.
Nicht von ungefähr lautete das Motto von WikiLeaks "We open
Governments" - staatliche Heimlichtuerei sollte auf die Müllhalde der
Geschichte verfrachtet werden.
Dieser Idealismus kam anfangs gut an. WikiLeaks publizierte Dokumente
aus dem innersten Zirkel der Scientology-Sekte, brachte Beweise für
Korruption in Kenia und vertrauliche Dokumente einer Schweizer Bank.
Die Internetaktivisten hatten mit Assange ihren neuen Propheten,
Medientheoretiker fanden reichlich Stoff für wissenschaftliche
Abhandlungen, Feuilletonisten nickten zustimmend - und dabei wäre es
vermutlich auch geblieben, hätte WikiLeaks 2010 nicht jenes Video
publiziert, das sich unter dem Titel "Collateral Murder" tief in die
kollektive Erinnerung eingegraben hat, und das den Einsatz eines
US-Kampfhubschraubers gegen unbewaffnete Zivilisten im Irak zeigt.
Dass diese Veröffentlichung eine heftige Reaktion der US-Regierung
auslösen würde, war vorauszusehen - und wohl Teil des Kalküls. Die
USA sollten sich als das zu erkennen geben, was sie nach Assanges
Weltsicht schon immer waren: ein brutaler Hegemon, der für alle Übel
dieses Planeten verantwortlich ist. Washington spielte mit und
erklärte WikiLeaks prompt zur Gefahr für die nationale Sicherheit.
Man könnte an dieser Stelle darüber streiten, ob die Reaktion der USA
verhältnismäßig war - ob es nicht besser gewesen wäre, den im Video
erhobenen Vorwürfen sachlich nachzugehen, statt dem naiven Idealisten
Bradley Manning, der WikiLeaks den Film zugespielt hat, einen Prozess
wegen Landesverrats zu machen. Faktum ist jedenfalls, dass WikiLeaks
und Assange dadurch einen massiven Popularitätsschub erhielten.
Doch die Causa "Collateral Murder" hatte einen weiteren Nebeneffekt:
Der Nimbus der Unparteilichkeit, der WikiLeaks bis dahin umgeben
hatte, war dahin. Was folgte, war ein regelrechter Informationskrieg
gegen die Vereinigten Staaten: Dokumente aus Afghanistan,
Militärakten über den Irak-Krieg, diplomatische Depeschen, interne
Mails eines amerikanischen Sicherheitsunternehmens - alles, was
Assange in die Finger bekam und den USA schaden konnte, wurde auf den
Markt geworfen. Dass im Zuge dieser Kampagne die Identität
amerikanischer Informanten preisgegeben wurde, nahm man als
Kollateralschaden in Kauf. WikiLeaks wollte eine Fackel der
aufgeklärten Demokratie sein - stattdessen wurde es zur digitalen
Keule der Amerika-Hasser.
Und angesichts des Gebarens von Julian Assange muss man zum Schluss
kommen, dass diese Entwicklung kein Zufall, sondern Absicht war. Wer
wie der WikiLeaks-Chef im Auftrag von Wladimir Putin schmeichlerische
TV-Interviews mit Champions der Demokratie wie dem Hisbollah-Chef
Hassan Nasrallah führt, kann die USA wohl nur als "großen Satan"
sehen. Dass Assange unter dem Schutz diplomatischer Immunität nach
Ecuador flüchtet, ist da nur konsequent. Nun kann er mit Staatschef
Rafael Correa, der unliebsame Journalisten in Grund und Boden klagt,
über die Vorzüge der freien Meinungsäußerung debattieren.
Was hier wieder einmal in aller Deutlichkeit vorgeführt wurde, ist
die Tatsache, dass Informationen auch als Waffen missbraucht werden
können. Und dass Aufdecker von Missständen sich genau überlegen
müssen, wohin sie mit ihren Informationen gehen. Ihr Vertrauen in
WikiLeaks war jedenfalls nicht gerechtfertigt.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






