• 15.08.2012, 17:54:26
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"Die Presse" - Leitartikel: Wir bekommen die Migranten, die in unser Klischee passen, von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 16.8.2012

Wien (OTS) - Österreich hinkt im internationalen Wettbewerb um die
besten Köpfe hinterher. Verwundern darf das nicht.

Eines der wohl größten Probleme der österreichischen
Zuwanderungspolitik lässt sich in nur einem Satz treffsicher
zusammenfassen: Die Migranten, die wir auf dem Arbeitsmarkt brauchen,
bekommen wir nicht - und die Migranten, die wir bekommen, brauchen
wir auf dem Arbeitsmarkt nicht. Oder zumindest nur zum Teil.
Um der Aussage zuzustimmen, muss man weder Populist noch xenophob
sein. Es reicht, das vorliegende Zahlenmaterial zu sichten: Der
größte Teil der Akademiker aus dem Nicht-EU-Raum, die ihr Studium in
Österreich absolviert haben, verlässt das Land so rasch wie möglich
wieder. So haben im Studienjahr 2010/11 zwar knapp 1300
Drittstaatenangehörige hier ein Studium abgeschlossen - allerdings
beantragten seit Juli 2011 nur 222 jene Rot-Weiß-Rot-Card, die den
Verbleib im Land sichert. Wie es sich mit den rund 50.000 EU-Bürgern,
die an österreichischen Unis studieren, verhält, weiß die Statistik
aufgrund der Niederlassungsfreiheit nicht. Als Gradmesser können aber
jene Zahlen dienen, die für die Ärztebedarfsstudie an den Med-Unis
erhoben wurden: Zwei Drittel der ausländischen Medizinstudenten
verlassen Österreich nach Ende ihrer Ausbildung.
Österreich erlebt damit das, was man in universitären Kreisen
"asymmetrische Mobilität" nennt: Aufgrund niedriger Zugangshürden zum
Studium - kaum Beschränkungen, keine Uni-Gebühr - wählen viele
Österreich als Studienort. Nachdem die sich - auf Staatskosten -
ausbilden ließen, verlassen sie das Land wieder. Im Wettbewerb um die
besten Köpfe kann Österreich nicht mithalten.
Im Gegenzug verfügt ein großer Teil jener Zuwanderer, die dauerhaft
im Land bleiben, über erschreckend niedrige Bildung. So hatten im
Jahr 2011 laut Integrationsbericht des Innenministeriums ganze 31
Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund lediglich einen
Pflichtschulabschluss. In der österreichischen Bevölkerung liegt
dieser Wert bei 13 Prozent. Besonders hoch ist der Anteil der wenig
Gebildeten unter den Türken (61 Prozent nur Pflichtschulabschluss)
sowie bei Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien (37 Prozent).
Migranten aus EU-Staaten verfügen zwar über eine überdurchschnittlich
hohe Bildung - sie sind aber leider in der Minderzahl. Keine
sonderlich gute Ausgangslage für ein Land, das über einen Mangel an
gut ausgebildeten Facharbeitern klagt und damit kokettiert, dass
seine wichtigste Ressource das Wissen sei.

Schwieriger als die Bestandsaufnahme gestaltet sich freilich die
Suche nach den Gründen für die (zu) geringe Attraktivität Österreichs
bei hochgebildeten Migranten. Ein entscheidender Faktor mag sein,
dass Österreich als Wirtschaftsstandort immer weiter zurückfällt. Im
"IMD World Competitiveness Yearbook", in dem das Schweizer Institut
für Management-Entwicklung alljährlich die Wettbewerbsfähigkeit von
rund 60 Staaten nach 327 Kriterien bewertet, fiel Österreich in den
vergangenen zwei Jahren um sieben Plätze auf Rang 21.
Und: Es gelingt kaum, selbst bestehende Stärken zu kommunizieren.
Ausländische "High Potentials", also Schlüsselarbeitskräfte wie
Manager und Fachexperten, nehmen das Land kaum als Wirtschafts-,
sondern eher - "Sound of Music" lässt grüßen - als Tourismusstandort
wahr. Das belegt etwa eine von der Stadt Wien beauftragte Erhebung
der Webster Privatuniversität, die diese gegen den Widerstand der
Stadt 2010 veröffentlicht hat. Nur ein Drittel der Befragten nahm
Wien vor der Ankunft als Geschäftszentrum wahr, nur 14 Prozent sahen
Wien als Hightech-Standort. Auch bei der Anerkennung ausländischer
Abschlüsse hinkt Österreich hinterher; die Regierung steuert
zumindest hier derzeit gegen.
Als größtes Problem bezeichneten die Befragten die
Ausländerfeindlichkeit. Es geht wohl nicht nur ihnen so. Bis heute
herrscht ein Klima, das jene, die die Wahl haben, nicht zum Bleiben
einlädt. Und bei jenen Zuwanderern, die bleiben, werden - selbst in
zweiter Generation - die Potenziale allzu oft bei weitem nicht
ausgeschöpft. Bis heute ist unser Bildungsproblem auch ein
Integrationsproblem.
Das passt ins Bild: Denn Österreich hat damit nicht zuletzt genau
jene Migranten, die dem Klischee der Mehrheit der Bevölkerung
entsprechen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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