• 09.08.2012, 17:56:56
  • /
  • OTS0126 OTW0126

DER STANDARD-Kommentar "Die Maus als Dompteur" von Michael Völker

"Spindelegger will bei seinem Dressurakt in der Volkspartei mehr Mitsprache" - Ausgabe 10.8.2012

wien (OTS) - Im Grunde genommen hat Michael Spindelegger in seiner
Partei nicht viel zu sagen. Er wird als Bundesvorsitzender von den
Landesorganisationen und den Bünden mehr geduldet als getragen. Das
Problem der ausgeprägten föderalen Strukturen haben andere Parteien
auch, selbst die Grünen werden von ihren Landesorganisationen
geknechtet, in der ÖVP ist die Dominanz der Länder aber traditionell
besonders stark ausgeprägt.
Ein Blick ins Parlament zeigt das Problem deutlich: Von den 51
schwarzen Abgeordneten wurden acht von der Bundespartei nominiert. 43
kamen über die Landeslisten in den Nationalrat. Bei den Landeslisten
hat der Chef in Wien nichts mitzureden. Die Loyalitäten der
Abgeordneten sind auch klar verteilt: Sie liegen bei den Ländern. Die
haben ihnen den Sprung ins Parlament ermöglicht, und nur wenn sie
folgsam gegenüber den Landesparteichefs sind, kommen sie das nächste
Mal wieder auf die Liste. Die Macht ist also in den Ländern zu Hause.

Auch finanziell ist die Bundespartei auf die Unterstützung aus den
Ländern angewiesen, dort werden die Wahlkampfkassen gefüllt. Und wenn
die Parteispitze in Wien nicht pariert, werden die Zahlungen
reduziert oder eingestellt. Bis wieder gefolgt wird. Zuletzt war das
unter Josef Pröll, ÖVP-Chef von 2008 bis 2011, der Fall.
Dass ausgerechnet Michael Spindelegger jetzt mehr Durchgriffsrechte
auf die Landesorganisationen fordert, ist herzig. Wenn Wolfgang
Schüssel ein Löwe war, der von den Landesparteien gebändigt werden
musste, dann ist Spindelegger eine Maus. Eine, die Männchen macht.
Jetzt will diese Maus bei ihrem Dressurakt mehr mitreden.
"Das darf aber keine Einbahnstraße sein", sprach Erwin Pröll aus St.
Pölten, und damit war das Vorhaben der Maus, sich mehr Rechte zu
verschaffen, auch schon torpediert. Ein Abtausch gegenseitiger
Eingriffsmöglichkeiten zwischen Landesparteien und der Bundes-ÖVP -
das kann für den Parteichef in Wien nur schlecht ausgehen. Männchen
machen und - hopp! - durch den Reifen springen.
Die föderalen Strukturen in der ÖVP zu lockern (nicht abzuschaffen)
ist so notwendig wie unwahrscheinlich: Die Partei könnte sich viel
agiler bewegen, aber die Landeschefs werden sich ihre Macht nicht
wegnehmen.
Ganz abgesehen davon: Einen Ernst Strasser oder einen Josef Martinz
kann auch eine Reform der Parteistatuten nicht verhindern.
Menschenkenntnis könnte helfen, aber Entgleisungen können vorkommen,
schlimm genug. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Spindelegger
braucht keine Durchgriffsrechte in die Länder, er braucht Autorität.
Dass einer, der kriminell ist, gehen muss - eh klar. Dass einer, der
auf der Anklagebank sitzt, nicht gleichzeitig eine führende Position
in der Partei bekleiden kann, ist auch klar, Unschuldsvermutung hin
oder her.
Martinz hätte schon vor einem Jahr zurücktreten müssen. Jeder, der
sich nur am Rande mit dieser Geschichte befasst hatte, wusste damals
schon, dass es bei dem Millionenhonorar für Martinz\x{2588} Steuerberater
Dietrich Birnbacher nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte
und dass da noch ein ganz dickes Ende nachkommt. Da braucht es eben
Mut und Format und die Autorität des Parteichefs, sich einzubringen
und durchzusetzen, in einer Landesorganisation für Ordnung zu sorgen,
erst recht, wenn der Landesparteichef vor Ort das Problem ist.
Mann oder Maus? Eben.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel