• 07.08.2012, 18:36:50
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"Die Presse" - Leitartikel: Die Krise hat Deutschlands Führungsrolle freigelegt, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 08.08.2012

Wien (OTS) - Abstruse Nazi-Vergleiche sind die schrille
Begleitmusik zu dem Faktum, dass Berlin ins Zentrum Europas gerückt
ist. Das löst Unbehagen aus, aber auch Erwartungen.

Originell ist die antideutsche Hetze nicht. Nach den griechischen
holen nun auch italienische Boulevardblätter abgedroschene
Nazi-Vergleiche aus der Mottenkiste hervor, um Deutschlands
Europolitik zu geißeln. "Heil Angela", titelte unlängst "Il
Giornale", eine Gazette aus Silvio Berlusconis Medienimperium. Auf
dem dazugehörigen Foto war natürlich zu sehen, wie die deutsche
Kanzlerin die rechte Hand hebt. Und im Leitartikel fantasierte ein
irrlichternder Kommentator, dass Italien nicht länger in Europa
liege, sondern im "Vierten Reich".
Zur zweifelhaften Ehre, als neue Führerin verunglimpft zu werden,
hatte der deutschen Regierungschefin diesmal Mario Draghi, der Chef
der Europäischen Zentralbank, verholfen. Der oberste europäische
Währungshüter, ein Italiener, hatte es gewagt, den Kauf italienischer
Staatsanleihen durch die EZB nicht völlig bedenken- und zügellos in
Aussicht zu stellen, sondern an - ohnedies unbestimmte -
Reformauflagen zu knüpfen. Doch das war für die überreizten Gemüter
in Berlusconis Redaktionsstube schon eine derartige Zumutung, dass
sie in ihrer Empörung über Draghi und die dahinter vermutete
teutonische Spargesinnung zur Nazi-Keule griffen.
Merkel ist den Kummer gewöhnt. Seit mittlerweile drei Jahren wird die
Kanzlerin regelmäßig als Europas Zuchtmeisterin beschimpft, weil sie
und ihr Finanzminister mit abnehmendem Erfolg darauf hinweisen, dass
es langfristig vielleicht nicht unklug wäre, das eine oder andere
Schuldenloch zu stopfen, bevor wieder neue aufgerissen werden. Es ist
eine seltsame Erwartungshaltung, die da in den verschuldeten Ländern
im Süden Europas kultiviert wird und sich ungefähr so ausnimmt:
Deutschland und die letzten halbwegs liquiden Eurostaaten mögen mit
beiden Händen in ihre Kassen greifen und die Zeche für andere zahlen,
ohne davor Fragen oder gar Bedingungen zu stellen. Denn zu retten sei
der Euro nur, wenn Berlin bleche und grünes Licht fürs Gelddrucken
gebe, anstatt kleinlich an währungspolitischen
Stabilitätsvorstellungen festzuhalten.
In Wirklichkeit hat Merkel unter dem Druck der Krise ein Prinzip nach
dem anderen aufgeweicht und sich immer wieder zu Zugeständnissen
breitschlagen lassen. Längst kauft die EZB Staatsanleihen, längst hat
Europa den Weg zu einer Schuldenunion eingeschlagen. Doch auch in
eingeknicktem und eingeweichtem Zustand wird Merkel als hartherzige,
sparwütige und verbohrte Prinzipienreiterin verteufelt. Trotzdem
trifft sie der Zorn vieler Griechen, Italiener und Spanier, die unter
Arbeitslosigkeit oder Budgetkürzungen leiden. Ganz so, als ob Merkel
mit einem Handgriff alles wiedergutmachen könnte, wenn sie nur ihre
deutsche Schatztruhe öffnete.
Doch das Unbehagen hat nicht nur irrationale Ursachen. Die Krise hat
Deutschlands Führungsrolle in Europa deutlicher als bisher
freigelegt. Und damit hat nicht nur Berlin selbst, sondern auch der
Rest des Kontinents seine Probleme. Deutschland ist als
Wirtschaftsmacht gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Während
Frankreich schwächelt und Italien, Spanien oder Griechenland horrende
Aufschläge für ihre Anleihen zahlen müssen, bewegen sich die
deutschen Zinsen seit Monaten auf äußerst niedrigem Niveau. Das weckt
Neid, ebenso wie die deutsche Exportkraft.

Das deutsche Modell löst Bewunderung aus. Doch das Vorbild kann
schnell ins Feindbild umschlagen. So wie das bei Klassenbesten ist,
die sich meist auch keiner besonderen Beliebtheit erfreuen. Wie es
Merkel auch anstellt, sie wird immer kritisiert werden. Im neuen
Europa wird, wie es übrigens im vergangenen Herbst ausgerechnet der
polnische Außenminister Radek Sikorski als Erster ganz offen verlangt
hat, von Deutschland Führung erwartet. Zögert Merkel, so wird sie
dafür gescholten. Doch wenn sie Führungsrolle annimmt, ruft sie erst
recht germanophobe Kritiker auf den Plan.
Mildern kann Merkel das Dilemma nur, indem sie auftrumpfendes
Verhalten vermeidet und möglichst harmonisch in das europäische
Orchester eingegliedert bleibt. Beides versucht sie. Umso schriller
und abstruser muten die dümmlichen Nazi-Vergleiche an, denen Merkel
zwischen Athen und Rom permanent ausgesetzt ist.

Rückfragehinweis:
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