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"Die Presse" - Leitartikel: Hoffentlich wirklich keine Olympia-Medaille, von Wolfgang Wiederstein
Ausgabe vom 06.08.2012
Wien (OTS) - Den Olympia-Teilnehmern muss man danken. Mit ihrem
Versagen erzwingen sie eine Diskussion über die Fehler im
Sportsystem. Gestritten wird immerhin schon.
Den österreichischen Olympia-Teilnehmern muss man in Wahrheit
ernsthaft von ganzem Herzen danken. Endlich haben sie die Gelegenheit
wahrgenommen, eine breite Diskussion loszutreten. Eine hitzige
Debatte über Sinn und Unsinn der Förderung des heimischen
Spitzensports, der bei den Wettkämpfen in London bisher schonungslos
demaskiert wurde.
Rot-Weiß-Rot ist nur ein Mitläufer, mit den Medaillenentscheidungen
hat das Team Austria nichts zu tun, nur wenige Athleten waren in der
Lage, ihr tatsächliches Potenzial abzurufen. Sie waren bisher die
Ausnahmen der Regel, weil die Olympia-Touristen überhandgenommen
haben. London hält dem österreichischen Sport nun beinhart den
Spiegel der Realität vor, international gesehen sind wir in London
die an sich bei Olympia so beliebten "Exoten". Dass die Enttäuschung
nun über das kollektive Versagen so groß ist, hat mit der
Einschätzung einiger Fantasten, die völlig illusorische
Medaillenhoffnungen erfunden haben, zu tun. Denn internationale
Fachmagazine haben im Vorfeld der Sommerspiele Österreich ohnedies
nur ein Mal Edelmetall zugetraut.
Die Fachleute sitzen also im Ausland, die Schönredner findet man bei
uns. Nichts anderes als Realitätsverweigerer. Aber weil die Wahrheit
oft so wehtut, klammern sich die Sportfunktionäre immer noch an ein
Wunder, auf dass sich die drohende und immer wahrscheinlich werdende
Nullnummer bis Sonntag noch abwenden lässt.
Damit im heimischen Sport endlich ein Umdenken eintritt, muss man
fast schon darauf hoffen, dass aus dem Unglück von London noch so ein
richtiges Debakel wird. Die Verantwortung dafür übernimmt niemand,
stattdessen hagelt es nur wilde Schuldzuweisungen. Der Sportminister
poltert, er prangert die Verhinderer an, legt sich mit den
Dachverbänden und sogar mit Parteifreunden an. Norbert Darabos, der
das neue Sportförderungsgesetz immer noch nicht durchgebracht hat,
spricht von einem Kampf gegen Windmühlen. Die Bundessportorganisation
(BSO) kontert auf die Kritik mit dem Vorwurf, über die Hintertür eine
Art Staatssport einführen zu wollen. Aber bislang hat das Prinzip
Gießkanne automatisch zu Misserfolgen geführt. Die rund 80 Millionen
Euro, die dem österreichischen Sport zur Verfügung stehen,
versickern. Auch in doppelter und dreifacher Bürokratie. Und bei der
Vielzahl an Förderungsmodellen, die man in den vergangenen
Jahrzehnten eingeführt hat, ist es fast schon unmöglich, den
Überblick zu bewahren. Kaum einer weiß noch so ganz genau, wer
eigentlich wofür zuständig ist.
Sportfunktionären fehlt es an einer Streitkultur, der Kampf um die
eigenen Schrebergärten hat längst eingesetzt, ein Reformwille ist bei
vielen nicht erkennbar, es geht um Geld, Macht und Einfluss. Das
zieht sich durch alle Parteien, noch immer werden etliche Verbände
von der Farbenlehre und von echten Funktionärmultis und Bürokraten
beherrscht. Erfahrene Olympia-Teilnehmer oder Spitzentrainer findet
man in den Führungsetagen der Vereine beziehungsweise Verbände
selten.
Am System krankt es schon lange, aber Ausnahmeathleten haben die
Missstände in der Vergangenheit immer wieder zugedeckt. Viele
erfolgreiche österreichische Sportler waren keine Kinder des Systems,
sie haben an den Erfolgen im Ausland oder in Eigenregie geschmiedet.
Ein Peter Seisenbacher ("Leistungssport bedeutet in erster Linie
Schmerzen"), Doppelolympiasieger im Judo, hat sich in Japan alles
angeeignet, um der Beste zu werden, Markus Rogan in seiner besten
Zeit in Amerika. Andere fanden ihr Glück durch europäische
Topbetreuer. Aber nach dem Großreinemachen nach dem Olympiaskandal
von Turin 2006 haben etliche Sportexperten das Land verlassen. Der
Quell des Heeressports ist auch schon einmal ertragreicher
gesprudelt, der Schulsport liegt ohnedies im Argen.
Wenn der Sport nun nach London die Gelegenheit nicht nützt, über eine
Totalreform nachzudenken, ist ihm nicht mehr zu helfen. Aber wen
wundert das alles wirklich? Den meisten Österreichern ist doch sogar
Passivsport viel zu anstrengend.
Rückfragehinweis:
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