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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Sankt Obama und der Pannen-Romney", von Christian Ultsch

Ausgabe vom 05.08.2012

Wien (OTS) - Der internationale Obama-Fanklub stürzt sich auf
jeden noch so irrelevanten "Patzer" Mitt Romneys. Das muss sein.
Sonst lässt sich das Klischee vom dummen US-Republikaner nicht
aufrechterhalten.

Wenn Mitt Romney durch die Welt tourt, muss er natürlich von einem
Fettnapf in den nächsten latschen. Es ginge gar nicht anders, denn er
ist nicht nur Amerikaner, sondern auch Republikaner. Und
republikanische Präsidentschaftskandidaten haben tollpatschig und
dumm zu sein. So will es das Klischee vom tumben Cowboy-Politiker,
das europäische Medien geradezu zwanghaft reproduzieren.
Bei Mitt Romneys Europareise mussten Journalisten nicht lange auf den
ersehnten Fauxpas warten. Der Organisator der Winterspiele von Salt
Lake City warf den Briten pünktlich zur fantastischen Eröffnungsfeier
in London vor, vielleicht doch nicht ganz vorbereitet zu sein auf die
Olympischen Spiele. Unhöflicher wäre wahrscheinlich nur noch gewesen,
während der Trauung von Kate Middleton und Prince William an die
Kanzel zu treten und über das Aussehen der Brautleute herzuziehen;
doch zur Hochzeit war Romney nicht eingeladen.
Der von der britischen Boulevardpresse lustvoll breitgetretene Sager
in London war zweifellos missglückt. Daraus jedoch Rückschlüsse auf
die außenpolitischen Fähigkeiten des US-Präsidentschaftsbewerbers zu
ziehen, ist überzogen. Eine ganz andere Brisanz hatte Romneys
Auftritt im Heiligen Land. Mit seiner Forderung, die US-Botschaft in
Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, bezog er klar
zuungunsten der Palästinenser Stellung. Denn auch sie betrachten
Jerusalem als ihre Hauptstadt.
Die Stellungnahme war, ohne Rücksicht auf diplomatische Balance,
innenpolitisch kalkuliert. Romney präsentierte sich als
super-pro-israelisch, um damit jüdische und evangelikale Wähler auf
seine Seite zu ziehen. Das mag kurzsichtig und unausgewogen sein. Um
eine Panne handelte es sich jedoch nicht. Abgehandelt wurde der Fall
trotzdem in dieser Rubrik. Denn der republikanische
Präsidentschaftsbewerber muss nun einmal der Pannen-Mitt sein. In
Polen durfte dann Romneys Sprecher unfreiwillig als Pannenhelfer
herhalten. Er beschimpfte Journalisten, und die machten gleich eine
große Geschichte aus der völlig irrelevanten Petitesse.
Bei allem Verständnis für die Freuden der Häme: Inhaltlich
unterscheiden sich Romney und der amtierende US-Präsident in ihren
außenpolitischen Ansichten kaum. Beide sind Pragmatiker, beide können
auch Härte zeigen. So hat Barack Obama den Anti-Terror-Kampf seines
Vorgängers nahtlos fortgesetzt und Angriffe mit unbemannten Drohnen
in Pakistan oder im Jemen sogar ausgebaut. Seine messianischen
Ankündigungen blieben unerfüllt, vom israelisch-palästinensischen
Frieden bis zum Senken des Meeresspiegels. Die globale Rolle der USA
ist in seiner Ära geschrumpft, besonders in Nahost. Sie wird
angesichts der ökonomischen Probleme des Landes und des Aufstiegs
anderer Mächte nicht mehr wachsen, egal unter welchem Präsidenten.
Doch der Obama-Fanklub beschäftigt sich lieber mit Romneys
angeblichen Patzern. Sie passen so schön ins gewohnte Bild.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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