• 03.08.2012, 18:41:32
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"Die Presse" - Leitartikel: Die Festspiele haben expandiert und gehen folglich in die Breite, von Norbert Mayer

Ausgabe vom 04.08.2012

Wien (OTS) - Eine erste Zwischenbilanz anhand des Theaters:
Universalist Sven-Eric Bechtolf versteht viel von Kunst. Und Kommerz.
Er weiß auch, wo man etwas riskieren darf.

Für eine Bewertung der Salzburger Festspiele 2012 ist es noch viel zu
früh, selbst wenn Anna Netrebko bereits gesungen hat und die
Garderobe der Buhlschaft bereits bewundert werden durfte. Nach einer
Woche Vorspiel mit multikultureller geistlicher Musik und einer
weiteren Woche mit den ersten großen Premieren steht fest, dass der
neue Intendant Alexander Pereira gewaltig expandiert hat, ohne gleich
die Drohung mit dem Rücktritt wahrmachen zu müssen. Salzburg brummt.
Bald wird es ein Ganzjahresevent sein. Heuer erregt es auch deshalb
mehr Aufmerksamkeit, weil die Führungsspitze des Festivals bis auf
die konstant verlässliche, moderierende Präsidentin Helga
Rabl-Stadler völlig neu besetzt ist.
Wenn man die Zwischenbilanz aus der Perspektive des Theaters sieht,
darf man gar behaupten, dass Theaterleiter Sven-Eric Bechtolf sein
Geschäft außerordentlich gut versteht. Er hat das Angebot wie ein
guter Kaufmann breit gestreut und bietet es zugleich konzentriert an.
Andrea Breth ist zwar keine Überraschung auf dem Spielplan, doch
Garantin für höchste Qualität. Dass sie und ihr Team mit der
Inszenierung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" eine
fantastische, frische Interpretation abgeliefert haben, ist ein
Glücksfall. Viele Kritiker im deutschen Feuilleton haben jubiliert.
Wichtiger noch für Bechtolf: Das Publikum war begeistert.

So lässt es sich leicht verschmerzen, dass die zweite große Premiere,
Irina Brooks Regie zu Ibsens "Peer Gynt", auf der Pernerinsel, die an
zehn Abenden jeweils 800 Zuseher anlocken soll, ziemlich plakativ
geraten ist. Auftragswerke sind immer riskant. Aber in diesem Fall
zählt der Glamour-Faktor. Songs von Iggy Pop, Gedichte von Sam
Shepard. Und internationales Flair - Englisch in diversen Akzenten
von Island bis Indien, das ist Showbusiness!
Die zweite Arbeit von Frau Brook, der Tochter des großen
Theatermachers Peter Brook, wird ungefährdet sein. "La Tempête", ihre
französische Inszenierung von Shakespeares tollem Zauberspiel, gehört
inzwischen schon zum Repertoire der globalen Wanderbühne.
Risiko ging der Salzburger Theaterchef bisher nur beim "Young
Directors Project" ein. Er nahm den seit elf Jahren bestehenden
Wettbewerb ernst und schickte tatsächlich junge Truppen ins Rennen.
Das war nicht immer so. Zuweilen gab es beim "YDP" auch
Etikettenschwindel, wurde fast schon Arriviertes gezeigt. Die erste
Produktion, "Trapped" von Princess Zinzi Mhlongo, war ein
spektakulärer Flop. Macht nichts, einen wie Alvis Hermanis 2003
entdeckt man nur alle heiligen Zeiten. Im "republic", wo das "YDP"
residiert, wird ohnehin Berühmtheiten im Publikum fast so viel
Aufmerksamkeit geschenkt wie den Aufführungen. Was diesem Theater der
Jugend allerdings noch fehlt, ist ein handfester Skandal. Es kann
doch nicht sein, dass die meiste Aufregung in diesem Sommer vom
Intendanten selbst kommt, der zum Auftakt grollend von der
öffentlichen Hand mehr Cash gefordert hat, damit sich das Geschäft
mit den Stars der Oper tatsächlich rechnet.

Um die Oper - das ist die herrschende Musikkritikermeinung der
"Presse" - hat sich ausgerechnet der Theaterleiter am meisten
verdient gemacht, als Regisseur. Sein Arrangement der Urfassung der
"Ariadne" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal war schlicht
genial. Sollte also der Intendant in den nächsten Jahren erneut damit
drohen, dass er Salzburg nun im Ernst frühzeitig verlasse, weil zu
wenig Geld für Hochämter und Bälle und das Dauerfest da sei, weiß das
Kuratorium, dass es bereits einen universal einsetzbaren Mann im
Salzburger Führungsteam hat, der etwas von Kunst und Kommerz
versteht.
Von der großen Oper bis zum entzückenden Puppenspiel ist dem
kreativen Bechtolf nichts fremd. Dass er den "Jedermann" in der
kommenden Saison selbst frisch inszenierte, wäre also wohl
Ehrensache. Dann wüsste man auch beim Theaterprogramm, das in diesem
Jahr, wie gesagt, sehr eklektisch angelegt ist, was dem
Schauspielchef wirklich am Herzen liegt. Es würde auch nicht schaden,
wenn er gleich auch selbst den Mammon spielte.

Rückfragehinweis:
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