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"Die Presse"-Leitartikel: Der Mörder ist der Butler, der Hacker ist Chinese, von Michael Laczynski
Ausgabe vom 1. August 2012
Wien (OTS) - Die größte Herausforderung bei Cyber-Spionage ist,
die Identität der Spione herauszufinden - und heikle Informationen
vom Netz fernzuhalten.
Neal Stephenson gilt gemeinhin als zuverlässiger Prognostiker der
nahen Zukunft - schließlich hat der amerikanische Autor in der
digitalen Steinzeit der frühen 1990er-Jahre nicht nur den Begriff
Cyberspace mitgeprägt, sondern sich auch jene virtuellen
Stellvertreter im Internet ausgedacht, die heutzutage als "Avatare"
bekannt sind. Wenn also Stephenson mit seinem Gespür für die
technologische Großwetterlage nach wie vor richtig liegt, dann dürfen
wir uns auf turbulente Jahre gefasst machen. In seinem jüngsten Buch,
das sich mit der Netz-Ökonomie beschäftigt, spielt nämlich ein
äußerst bösartiger Computervirus die Hauptrolle, der die befallenen
Rechner in Geiselhaft nimmt. Und die Urheber dieses Virus sitzen
ausgerechnet in der Volksrepublik China.
Was im Roman eine wilde interkontinentale Schnitzeljagd auslöst,
kommt auch in der Wirklichkeit immer öfter vor - wobei hier die
Reaktionen deutlich schaumgebremster ausfallen, und das aus gutem
Grund. Man nehme etwa den soeben bekannt gewordenen Diebstahl der
E-Mails des EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, der auf das Konto
von Hackern in Shanghai gehen dürfte: Alle Indizien sprechen zwar
dafür, dass China der Urheber des Datendiebstahls ist - schließlich
war in den vergangenen Jahren hinter vorgehaltener Hand immer wieder
von Versuchen chinesischer Hacker die Rede, an Geheimnisse ihrer
westlichen Geschäftspartner zu gelangen. Doch generell ist die
Beweislage nie ganz eindeutig, denn im Internet ist es
vergleichsweise einfach, falsche Fährten zu legen und die eigenen
Spuren zu verwischen. Daher ist bei digitaler Spionage die Versuchung
besonders groß, in kriminalistische Klischees à la Miss Marple zu
verfallen: Der Mörder ist immer der Butler und der Hacker ist
Chinese.
Damit wären wir beim Kern des Problems angelangt. Die größte
Herausforderung ist es, die Spione aus den Untiefen des Cyberspace
eindeutig zu identifizieren. Selbst bei der spektakulärsten
Cyber-Attacke der letzten Jahre - dem Einsatz der Viren Stuxnet und
Flame gegen iranische Atomlabors - wusste man erst nach einem
(halbherzig dementierten) Bericht der "New York Times", dass neben
Israel auch die USA ihre Finger im Spiel haben dürften. Dabei sollte
das keine Überraschung sein, denn für die USA gilt der Cyberspace
neben Boden, See, Luft und Weltraum als sogenanntes "fünftes
Schlachtfeld", für das seit 2010 ein eigenes Kommando zuständig ist.
Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass Hacker der US-Armee nicht
nur iranische, sondern auch chinesische und russische Datenbanken im
Visier haben. Trotzdem ist der Einsatz der Software-Waffen gegen den
Iran, so verständlich er angesichts der nuklearen Ambitionen des
Gottesstaates ist, auch ein Sündenfall: Er ist sozusagen der
offizielle Startschuss zum Rüstungswettlauf im Netz. Und dieser
Wettlauf ist gefährlicher, als es zunächst den Anschein hat.
Denn anders als bei konventioneller Kriegsführung, die durch das
Kriegsvölkerrecht geregelt ist, gibt es für den Cyberkrieg keinen
Verhaltenskodex. Wann wird eine Provokation zum Casus belli? Wie ist
es zu erkennen, ob ein Angriff mit staatlichem Sanktus durchgeführt
wurde oder lediglich ein krimineller Akt ist? Man weiß es nicht.
Und angesichts der fundamentalen Auffassungsunterschiede zwischen dem
demokratischen Westen auf der einen und diversen Autokratien im Osten
auf der anderen Seite dürfte es dieses Regelwerk so rasch nicht
geben. Denn für die Mitglieder der Shanghai-Initiative (dazu zählen
unter anderem China und Russland) gilt schon die Verbreitung von
Informationen, die dem Regime nicht genehm sind, als feindlicher Akt.
Wie soll man also auf Vorfälle wie die Hacker-Attacke auf den
EU-Ratspräsidenten reagieren? Am besten, indem man heikle
Informationen konsequent vom Netz fernhält und Spionen keine
Angriffsfläche bietet. Den (mit 99-prozentiger Sicherheit
chinesischen) Tätern mit Strafe zu drohen ist angesichts ihrer
Anonymität nicht sinnvoll. Zynische Zeitgenossen würden an dieser
Stelle anmerken, dass die Bösewichte, die sich nun durch die
Korrespondenz des - vorsichtig formuliert - etwas langatmigen Herrn
Van Rompuy wühlen müssen, ohnehin gestraft genug sind.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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