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"Die Presse" - Leitartikel: Letzte Ausfahrt Alawistan: Assad verspielt Syriens Zukunft, von Helmar Dumbs

Ausgabe vom 20.07.2012

Wien (OTS) - Rutscht das Land tiefer in einen konfessionellen
Bürgerkrieg, geht es bald nicht mehr um die Existenz des Regimes,
sondern um das Überleben Syriens als Staat.

Latakia also. In die syrische Küstenstadt und Tabakmetropole soll
sich Machthaber Bashar al-Assad Mittwochabend zurückgezogen haben.
Zuvor hatte ein Selbstmordattentäter drei seiner wichtigsten
Sicherheitschefs in den Tod gerissen. Gestorben ist damit wohl auch
Assads bis zuletzt mit aufreizender Dreistigkeit zur Schau gestellte
Gewissheit, dass seine Herrschaft die Rebellion unbeschadet
überstehen kann. Wenn Assad sich in den vergangenen 16 Monaten auch
standhaft geweigert hat, aus dem Beispiel Libyen Lehren zu ziehen
(vielleicht zog er auch nur die falsche Lehre, nämlich, dass Libyens
Gaddafi seiner Meinung nach einfach zu wenig Härte gezeigt habe) -
diesmal dürfte er die Botschaft verstanden haben.
Bestätigt war die Flucht des Diktators aus Damaskus zwar auch am
Donnerstag noch nicht, es könnte sich also um eine verbale
Nebelgranate der Aufständischen handeln, die im Verbreiten von Lügen
mittlerweile die Meisterschaft des Regimes erreicht haben. Trotz
heftiger Dementis seitens des Regimes hätte das seine Logik: Latakia
ist so etwas wie die geheime Hauptstadt der Alawiten. In der
gleichnamigen Provinz stellt die Minderheit, der auch der Assad-Clan
entstammt, mehr als zwei Drittel der Bevölkerung. Die Gegend wäre das
Zentrum eines Alawistan, eines Rumpfstaates bei einem Zerfall
Syriens. Zieht sich Assad dorthin zurück, ändert sich die Kernfrage
des Konflikts: Es geht dann nicht mehr darum, ob es Assads Herrschaft
in einem Jahr noch gibt, sondern darum, ob es Syrien in einem Jahr
noch gibt. Dann hätte es Assad - unter Mithilfe der beide Seiten
aufpäppelnden Waffenlieferanten - endgültig geschafft, aus einer
friedlichen Protestbewegung einen konfessionellen Bürgerkrieg zu
machen.
Als die Rebellen am Dienstag den Endkampf um die Hauptstadt Damaskus
ankündigten, war man noch versucht, dies als taktische
Jubelpropaganda zwecks Mobilisierung der eigenen Kräfte und
Demoralisierung des Gegners abzutun. Der Anschlag vom Mittwoch hat
gezeigt, dass sie nicht so falschlagen. Assads wegen seiner
Skrupellosigkeit besonders verhasster Schwager tot, der
Verteidigungsminister tot, dazu ein hochrangiger General: Jetzt muss
sich jeder, der Assad bis jetzt noch treu gedient hat, überlegen, ob
er von der nahenden Regimedämmerung mitgerissen werden will oder
nicht doch besser die Seiten wechselt. Dass Russland und China im
UN-Sicherheitsrat dem Diktator noch immer die Mauer machen, schützt
vor einem Selbstmordattentäter aus den eigenen Reihen wenig. Die
Attacke ins Herz der syrischen Staatssicherheit könnte das Momentum
sein, das der Absetzbewegung bisher gefehlt hat.
Mit gutem Grund hat man im Westen allerdings eine Intervention
verworfen, wie sie in Gedankenspielen mancher arabischer Führer
vorkommt, deren Eigeninteressen mit ihnen durchgehen. Ein
Gegenargument wurde zwar mittlerweile ad absurdum geführt: dass
nämlich eine solche Intervention das Land schnurstracks in den
Bürgerkrieg führen würde. Dieser hat ganz ohne direktes ausländisches
Eingreifen begonnen.

Wie sollte eine solche Intervention auch aussehen? Das Beispiel
Libyen hilft hier nicht viel weiter, denn die Wirksamkeit von
Luftschlägen wäre aufgrund der ganz anderen geografischen
Gegebenheiten und der völlig unklaren Frontverläufe sehr begrenzt. Es
müssten also notwendigerweise Bodentruppen sein, doch wie eine solche
Invasion ausgehen kann, war jahrelang am benachbarten Irak zu
studieren. Osama bin Ladens Erben im Jihad reiben sich schon die
Hände.
Zudem wird die Situation immer unübersichtlicher. Zu Beginn des
Aufstands war das Bild noch einigermaßen klar: Hier friedliche
Demonstranten, die gegen ein diktatorisches Regime protestierten,
dort ein Machthaber, der mit größter Brutalität dreinschlagen lässt,
um seine Gegner zum Schweigen zu bringen. Freilich ging ein Großteil
der zivilen Opfer bisher auf Kosten des Regimes. Dieses hat ja auch
die größeren Kapazitäten, Kriegsverbrechen zu begehen. Aber Berichte
über Gräueltaten seitens der Rebellen nehmen massiv zu. Das syrische
Schwarz-Weiß-Bild ist längst verwischt, dies sollten sich auch
Staaten im Westen eingestehen, die mit gutem Grund auf einen Sturz
Assads hoffen.

Rückfragehinweis:
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