"Die Presse" - Leitartikel: Syrischer Teufelskreis aus Angst und Extremismus, von Wieland Schneider

Ausgabe vom 17.06.2012

Wien (OTS) - Der syrische Widerstand muss Minderheiten wie den Alawiten und Christen die Furcht vor den Rebellen nehmen. Nur so kann die Revolution gelingen.

Es war die "Normalität" inmitten des kriegerischen Wahnsinns, die die Szenerie so bizarr erscheinen ließ: Noch vor einer Woche waren die Cafés der Altstadt von Damaskus voll mit jungen Männern und Frauen, die bei Tee, libanesischem Bier und Wasserpfeifen scherzend beieinander saßen. Ihr Geplauder wurde immer wieder von Gefechtslärm unterbrochen, der aus den Außenbezirken und Vorstädten drang. Es war, als würden die Wiener in den Kaffeehäusern und Lokalen des Ersten Bezirkes weiterhin Melange, Mehlspeisen und Cocktails genießen, während Panzer durch Hütteldorf, Ottakring und Schwechat rollen und auf Rebellen schießen, die sich dort verschanzt halten.
Nun rückt der Krieg immer näher ans Zentrum der syrischen Hauptstadt heran. Und die "Normalität", die die Bewohner für ihr eigenes Seelenheil aufrechtzuerhalten versuchten, wird immer mehr zur Schimäre. Wenn man bereits vor einer Woche ein wenig an der Außenschicht dieser zu Schau gestellten "Normalität" kratzte, stieß man auf Verzweiflung und Angst. Angst davor, in die Wirren des Aufstands gegen Machthaber Bashar al-Assad hineingezogen zu werden. Angst davor, etwas Falsches zu sagen und deshalb in die Mühlen des Polizeistaates zu geraten. Aber auch Angst vor den Rebellen, die sich immer näher an die Innenstadt herankämpfen.
Im Zentrum und der Altstadt wohnen nämlich viele, die sich ihr Leben in Assads Diktatur durchaus erträglich eingerichtet haben:
Geschäftsleute, denen es finanziell nicht schlecht ging, solange sich in Damaskus noch die Touristen tummelten. Und viele der Altstadtbewohner sind Christen. Sie mögen Assads Clique nicht lieben, aber sie ziehen sie nach wie vor den Bewaffneten auf der anderen Seite der Front vor. Denn je länger die Revolte in Syrien dauert, desto mehr werden die Rebellen von Extremisten unterwandert. Der internationale Jihaddisten-Wanderzirkus, der schon in Afghanistan, auf dem Balkan und im Irak sein Unwesen getrieben hat, macht nun in Syrien Station. Für ihn stellt die Führung in Damaskus ein geeignetes Feindbild dar: Das arabisch-nationalistische Baath-Regime setzt auf einen säkularen Staat. Ein wichtiger Teil der herrschenden Schicht gehört so wie Präsident Assad der Religionsgruppe der Alawiten an, die von radikalen Sunniten nicht als "richtige" Muslime akzeptiert werden.
Auch im Westen sorgt man sich darum, wer so aller in den Reihen den Rebellen mitkämpft, und darum, was nach Assad kommt. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum die USA und die Europäer im Falle Syriens bisher relativ zurückhaltend waren. In einem Worst-case-Szenario könnte eine Revolution in Syrien Jihaddisten an die Macht spülen, die Rachemassaker an "ungläubigen" Minderheiten wie Alawiten und Christen verüben, die lange auf Assads Seite standen. In einem nicht ganz so dunklen Szenario könnten Gruppen wie die Moslembrüder ohne Blutbad an die Regierung kommen. Und diese könnten sich dem Nachbarn Israel gegenüber weit kompromissloser zeigen als Assad. Der syrische Herrscher galt zwar als ein Erzfeind Israels. De facto waren aber sowohl Damaskus als auch Jerusalem darum bemüht, den Frieden zu wahren.

Je länger der Aufstand tobt und vom Regime mit unfassbarer Gewalt bekämpft wird, desto größer droht der Einfluss von Extremisten zu werden. "Die USA und die UNO haben euch nicht geholfen. Der Einzige, der euch hilft, ist Allah", gehört schon zu den Standardsätzen salafistischer Prediger, die Syriens Rebellen anzuspornen versuchen. Es gilt deshalb, den syrischen Teufelskreis so rasch wie möglich zu durchbrechen. Amerikaner und Europäer haben den Ton verschärft. Sie wollen aber nach wie vor keine Alleingänge außerhalb der UNO. Und Russland mauert - wegen seiner alten Freundschaft zum Assad-Regime, aber auch, um seine Macht zu demonstrieren. Der Westen muss verstärkt versuchen, Moskau auf seine Seite zu ziehen, um in breiter Front vorgehen zu können. Und Syriens Widerstand muss alles tun, um Christen und Alawiten die Angst zu nehmen und auf die Seite der Revolution zu ziehen. Nur so kann das Abgleiten in einen grausamen Bürgerkrieg entlang konfessioneller Fronten vermieden werden.

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