• 13.07.2012, 18:33:26
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"Die Presse" - Leitartikel: Ist der Islam in Österreich daham?, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 14.07.2012

Wien (OTS) - Dass der Islam in Österreich seit 100 Jahren
anerkannte Religionsgemeinschaft ist, ist vielleicht schön,
jedenfalls aber für aktuelle Fragestellungen irrelevant.

Österreich hat kein Monopol auf exzentrische Islam-Debatten. Der
FPÖ-Slogan "Daham statt Islam" war zwar, was die Sinnbefreitheit
angeht, ein Weltklasseprodukt. Aber auch die Islam-Debatte, die in
der jüngeren Vergangenheit bei unseren deutschen Nachbarn auf
höchster Staatsebene geführt wurde, traf lange nicht den Kern des
Problems. Im Oktober 2010 musste der damalige Bundespräsident
Christian Wulff für seine Erklärung, dass der Islam ein Teil
Deutschlands sei, ziemlich viel Kritik einstecken. Etwas mehr als
zwei Wochen später komplettierte er in einer Rede vor dem türkischen
Parlament in Ankara seine Sicht der Dinge mit dem Satz: "Das
Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei."
Die wohlwollende Interpretation beider Stellungnahmen lautet: Wulff
wollte hier wie dort für mehr Toleranz plädieren. Zu akzeptieren,
dass der Islam ein Teil Deutschlands sei, würde bedeuten, dass die
Deutschen aufhören, Zuwanderer aus islamischen Ländern als doppelte
Fremde zu betrachten, die doppelt so viele Probleme machen wie
Zuwanderer aus nicht islamischen Ländern. Zu akzeptieren, dass das
Christentum zur Türkei gehört, würde bedeuten, dass die türkische
Regierung den Christen in der Türkei volle Religionsfreiheit gewährt.
Wulffs Nachfolger, der Theologe Joachim Gauck, griff die Debatte vor
einigen Wochen in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit"
auf. Er könne, sagte Gauck, Wulffs Einschätzung, dass der Islam zu
Deutschland gehöre, so nicht übernehmen, "aber seine Intention nehme
ich an". Es gehe einfach darum, die Tatsache zu akzeptieren, dass in
Deutschland viele Muslime leben; seine Neuformulierung des
Wulff'schen Diktums würde demnach lauten: "Die Muslime, die hier
leben, gehören zu Deutschland."
Man kann dem Mann nicht widersprechen. Und wäre er dabei geblieben,
hätte er genau die Differenz markiert, die für eine vernünftige
Debatte über Zuwanderer aus islamischen Gesellschaften entscheidend
ist: Teil Europas oder Teil eines Landes können nur Menschen sein,
nicht eine Religion. Mehr noch: Je weniger Rolle die Religion im
Leben von Zuwanderern aus islamischen Gesellschaften spielt, umso
größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in angemessener
Frist als Teil des Landes sehen, in das sie eingewandert sind.
Joachim Gauck aber konnte offensichtlich der akademisch-theologischen
Versuchung nicht widerstehen und wollte seinem katholischen Kollegen
Joseph Ratzinger das Feld nicht allein überlassen. Und so formulierte
auch er seine Islam-Kritik in Frageform: "Wo hat denn der Islam
dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine
Reformation?" Erwartungsgemäß konterten Vertreter der islamischen
Gemeinde mit dem Hinweis darauf, dass Europa ohne die arabischen
Gelehrten der spanischen Renaissance bis heute keinen Zugang zur
klassischen griechischen Philosophie hätte.
Und so weiter und so fort, man kennt die Argumente, und die
wesentlichen Fakten dürfen als bekannt vorausgesetzt werden: Als das
Christentum in Europa noch im Mittelalter verharrte, gab es so etwas
wie eine arabische Aufklärung, heute sehen wir ein
säkularisiert-aufgeklärtes Christentum neben einem mittelalterlichen
Islam. Der politische Islam der Gegenwart ist ein totalitäres
Denksystem, das man am ehesten mit den links- und
rechtsfaschistischen Regimen des 20. Jahrhunderts vergleichen kann.

Wirklich interessant, diese Debatte, aber vollkommen irrelevant für
die konkreten Fragestellungen, die sich durch die Zuwanderung aus
islamischen Ländern ergeben. Das Gleiche gilt für den kollektiven
Stolz darauf, dass der Islam in Österreich nun schon seit hundert
Jahren über den Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft
verfügt.
So groß und bedrohlich das Thema politischer Islam auf globaler Ebene
ist - und da ist die Rolle Österreichs als PR-Agent des saudischen
Mittelalters problematisch genug -, so irrelevant ist es für die
Frage der Integration von Zuwanderern in Österreich. Dort dient es
nur zur politischen Folklore und als bequeme Ausrede für
säkularisierte, aber dennoch integrationsunwillige Zuwanderer.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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