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Die Presse - Leitartikel: "Heuchelhilfe für König Abdullah", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 08.07.2012
Wien (OTS) - Absurder geht es kaum: In Saudiarabien bedrohen die
Wahhabiten jeden, der vom Islam abfällt, mit dem Tod. In Wien
eröffnen sie mit rot-schwarzer Unterstützung ein Dialogzentrum der
Religionen.
Diese Woche konnte Saudiarabien wieder einen internationalen
Spitzenplatz belegen. Das US-Institut "Freedom House" bescheinigte
dem Königreich, zu den neun repressivsten Regimes der Welt zu zählen.
Im gastfreundlichen Wien stört das niemanden. Hier darf sich das Haus
Saud mit großer Geste als Hort der Toleranz präsentieren, freundlich
unterstützt von der Bundesregierung.
In der letzten Sitzung vor der Sommerpause segnete das Parlament mit
den Stimmen von SPÖ, ÖVP und BZÖ die Errichtung des "König Abdullah
Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog" ab. Die
neue Organisation, die am 26. November im Palais Sturany am
Schottenring 21 ihre Pforten öffnen wird, ist deshalb nach dem
saudischen König benannt, weil er alles zahlt. Einen hohen
zweistelligen Millionenbetrag ist dem greisen Monarchen das
PR-Projekt wert. Sorgen um unerwünschte Folgen der Versuchsanordnung
muss er sich nicht machen. Das Gespräch mit Vertretern anderer
Weltreligionen findet in sicherer Entfernung von seiner Heimat statt.
Und in Wien sieht sein treuer Diener Faisal Abdulrahman bin Muammar,
Saudiarabiens ehemaliger Vize-Bildungsminister, als Generalsekretär
des Zentrums nach dem Rechten. Ihm zur Seite freut sich
Ex-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, die bisher ihr
theologisches Expertenwissen erfolgreich geheim gehalten hat, über
einen Versorgungsposten.
In Saudiarabien selbst ist die Dialogkultur bekanntlich nicht so
stark ausgeprägt. Wer auf die Idee kommen sollte, vom Islam
abzufallen, ist gut beraten, sich vorher ein Plätzchen auf dem
Friedhof zu sichern. Denn ihm droht die Todesstrafe. Die wenigen
Christen im Land, großteils Gastarbeiter, müssen ihre Messen privat
im Untergrund feiern. Ihnen ist nicht gestattet, Kirchen zu bauen.
Großmufti Sheikh Abdul-Aziz al-Sheikh möchte das weiterhin so halten
und das wahhabitische Toleranzmodell sogar auf andere Länder
ausweiten. Jüngst riet er dazu, alle christlichen Gotteshäuser auf
der arabischen Halbinsel zu zerstören. Zu Juden pflegt Saudiarabien
ein Sonderverhältnis: Ihnen ist nicht einmal erlaubt, ins Land der
heiligen Stätten des Islam einzureisen.
Die Wahhabiten rechtfertigen mit ihrer mittelalterlichen
Islam-Auslegung bizarre Einschränkungen grundlegendster Rechte.
Während sich Bandion-Ortner für die absurde Wiener
Palaver-Institution hergibt, dürfen Frauen in Saudiarabien nicht
einmal Autos lenken. Auch in außerreligiösen Fragen versteht der
Polizeistaat eher wenig Spaß.
Es ist naiv zu glauben, dass die ziellosen interreligiösen
Lockerungsübungen am Schottenring positive Rückwirkungen auf
Saudiarabien haben könnten. Näher liegt der Verdacht, dass König
Abdullah die Pirouetten im Dialogzentrum drehen lässt, um das Image
seines Regimes aufzupolieren und den Blick auf die üble Realität in
Saudiarabien zu verstellen. Österreichs Regierung lässt sich für eine
Heuchleraktion einspannen.
Wenn das die Nordkoreaner spitzkriegen, eröffnen sie demnächst ein
Demokratiezentrum am Donaukanal.
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