- 04.07.2012, 18:31:53
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"Die Presse" - Leitartikel: Das Mittelmaß mobilisiert seine Systemerhalter, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 05.07.2012
Wien (OTS) - Frank Stronachs "ZiB 2"-Auftritt wird von Teilen der
intellektuellen Eliten mit genüsslicher Häme quittiert. Das zeigt,
dass er einen wunden Punkt getroffen hat.
Frank Stronachs Auftritt in der "ZiB 2" vom Dienstagabend hat die
sozialen Netzwerke zum Glühen gebracht: "Schräg" sei der Auftritt des
ehemaligen Werkzeugmachers gewesen, posteten die milderen Rezensenten
auf Facebook, "krank" diagnostizieren twitternd die schärferen.
Offensichtlich fühlen sich viele bestätigt in ihrer himmelhohen
Überlegenheit gegenüber einem durchgeknallten Milliardär, der sich
einbildet, er könne und solle, nur weil er Geld hat, die Verhältnisse
ändern, in denen man es sich gemütlich gemacht hat.
Angesichts dessen, was an diesem Abend im "ZiB"-Studio tatsächlich
passiert ist, wirken diese Rezensionen ein wenig exzentrisch. Ein
erfolgsverwöhnter 80-Jähriger ohne herkömmliche Medienerfahrung hat
sich nicht an die Regeln des öffentlich-rechtlichen
Interviewjournalismus gehalten. Und?
Man muss Stronachs Meinung, dass Ex-Magna-Manager Sigi Wolf ein
toller Bundeskanzler wäre, wirklich nicht teilen. Sein Anspruch, er
sei zurückgekehrt, um der österreichischen Bevölkerung die Wahrheit
zu verkünden, wirkt etwas überspannt. Und dass er sich in seinen
7politischen Planungen von Peter Westenthaler beraten lässt, wird
viele vernünftige Menschen davon abhalten, mit Stronach zu
kooperieren.
Aber woher kommt die offen zur Schau gestellte Verachtung, mit der
die österreichische Journalisten-Boheme Figuren wie Frank Stronach
und Dietrich Mateschitz verfolgt? Menschen, die auf eine lange
Karriere als Passivsportler zurückblicken können, erklären einem
präzise, warum Herr Mateschitz, dessen Team gerade österreichischer
Fußballmeister geworden ist, im Fußball versagt hat. Professionelle
politische Beobachter, deren intellektuelle Alltagsherausforderung in
Gesprächen mit österreichischen Abgeordneten und
Regierungsmitgliedern besteht, merken pikiert an, dass Frank Stronach
kein Intellektueller sei.
Es sieht so aus, als käme eine Gruppe von Menschen, die Tag für Tag
ins Büro gehen, Überstunden notieren und zugleich den Eindruck einer
waghalsigen künstlerischen Existenz erwecken müssen, nicht damit
zurecht, dass da jemand nicht nach ihren Regeln spielt. Würde jemand
diese Exponenten der intellektuellen Elite so behandeln, wie sie das
mit Frank Stronach oder Dietrich Mateschitz tun, wäre ihr Urteil
klar: ein typischer Fall von Kleinbürgerspießertum. Das
Außergewöhnliche wird als Normabweichung identifiziert und mit allen
verfügbaren Mitteln aufs eigene Mittelmaß heruntergeschrieben.
Anders ist nicht erklärbar, dass man Frank Stronach empört vorwirft,
er wolle sich Politiker kaufen. Was tun denn Parteien und
Sozialpartner seit Jahrzehnten anderes? Der Unterschied besteht
lediglich darin, dass Stronach bereit ist, für die Durchsetzung
seiner Interessen eigenes Geld einzusetzen, während die etablierten
Institutionen es als ihr heiliges Recht ansehen, dafür das Geld der
Steuerzahler zu verwenden.
Dass sich die Parteien gerade eine Verdoppelung ihrer Apanagen aus
dem Steuertopf genehmigt haben, wird maßvoll kritisiert. Dass ein
erfolgreicher Unternehmer einige Millionen in die Finanzierung einer
Partei investieren will, die im politischen Wettbewerb seine
Vorstellungen repräsentiert, wird als Angriff auf die Demokratie
denunziert: Irgendetwas stimmt da nicht.
Die Häme, die jetzt über die Unbeholfenheit, das Pathos und das
Sendungsbewusstsein Frank Stronachs ausgegossen wird, ist nichts
anderes als ein lautes "Haltet den Dieb!". Da sagt einer, der es sich
leisten kann, Dinge, die wir alle auch längst hätten sagen können.
Weniger pathetisch, weniger linkisch, weniger abgehoben vielleicht.
Aber letztlich führt uns da einer, der auf nichts Rücksicht nehmen
muss, vor Augen, dass wir Journalisten es uns in dem System, das wir
von Zeit zu Zeit mit einer hübschen Pointe kritisieren, ganz gut
eingerichtet haben.
Man mag von Frank Stronachs politischen Ideen und ihrer
Umsetzbarkeit, vor allem von seinen personellen Vorstellungen,
halten, was man will. Wie die Medien derzeit als Systemerhalter des
herrschenden Mittelmaßes agieren, zeigt jedenfalls, dass er einen
wunden Punkt getroffen hat. Die Schmerzensschreie sind unüberhörbar.
Rückfragehinweis:
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