• 01.07.2012, 17:52:30
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Die Presse - Leitartikel: "Mit der Gier endet die Europameisterschaft", von Wolfgang Wiederstein

Ausgabe vom 02.07.2012

Wien (OTS) - Die Euro geht künftig an den Bestbieter. Die einfache
Rechnung der Europäischen Fußballunion: mehr Teilnehmer, mehr
Einnahmen. Die Qualität aber wird leiden.

Der Präsident der Europäischen Fußballunion war mit seinem Werk
wieder einmal zufrieden. Die Europameisterschaft in Polen und in der
Ukraine bezeichnete Michel Platini als "fantastische EM", er lobte
die Veranstalterländer in höchsten Tönen. Der Franzose sprach vor dem
Finale sogar davon, dass eine Euro noch nie so ein wichtiges Erbe
hinterlassen habe. Was er genau damit meint, hat der ehemalige
Weltklassespieler und jetzige Uefa-Boss nicht weiter ausgeführt. Er
war so in die üblichen Lobhudeleien vertieft, dass er völlig vergaß,
auf EM-Schattenseiten einzugehen. Denn der Enthusiasmus, der sei
wahnsinnig groß gewesen, die Atmosphäre so einzigartig, die Spiele
äußerst hochklassig und spannend, "voller Klasse und Respekt". Dass
es in den vergangenen Wochen immer wieder zu rassistischen
Verfehlungen gekommen ist und Spieler wie Italiens Mario Balotelli
mit Bananen beworfen worden sind, hätte die Uefa am liebsten
verschwiegen. Aber alle TV-Bilder haben sich eben nicht manipulieren
lassen.
Michel Platini, Europameister 1984, ist ein Mann mit Visionen. An der
Euro 2016 in seiner Heimat sollen erstmals 24 statt der bisher 16
Teams teilnehmen, die Aufstockung klingt vielleicht verlockend, birgt
aber viele Gefahren in sich. Der Uefa-Präsident wird nicht müde, die
Neuerungen als dringend notwendig zu bezeichnen, künftige EM-Turniere
wird das sportlich aber nicht weiterbringen. Auch Österreich darf
sich auf einmal Hoffnungen machen, erstmals in einer Qualifikation zu
bestehen. Aber ein Turnier wird mit der Teilnahme von
Sparringpartnern nicht besser. Das Niveau wird freiwillig verwässert,
das Gefälle noch größer.
Kaum ein Vertreter der Fußballgroßmächte findet Gefallen an der
EM-Reform, nur die Uefa und kleinere Verbände profitieren davon. Mehr
Teilnehmer erfordern mehr Gruppenspiele, dazu ein Achtelfinale und
mehr Stadien, mehr Stadien bedeuten mehr Zuschauer, mehr Zuschauer
mehr Einnahmen, mehr Spiele natürlich mehr Fernsehgeld. Michel
Platini redet aber nicht gern über Geld, das hat die Uefa in Hülle
und Fülle. Er sieht seine Aufgabe darin, "den Sport
weiterzuentwickeln". Und diese Außenseiter könnten bei einem Turnier
doch wachsen, womöglich überraschen. Dass Veranstalterländer künftig
die Mehrkosten, die mit dem Bau zusätzlicher Fußballhochburgen
entstehen, eventuell nicht mehr tragen könnten, ist dem
Uefa-Präsidenten längere Zeit nicht in den Sinn gekommen.
Der selbst ernannte Tausendsassa Platini aber hat auch für solche
Probleme eine durchaus revolutionäre Lösung parat. Der Uefa-Boss kann
sich ernsthaft vorstellen, dass die Europameisterschaft 2020 in ganz
Europa ausgetragen wird, "man könnte in zwölf oder 13 Städten
spielen". Michael Platini will über diese Idee eine offene Diskussion
führen, bis spätestens Jänner 2013 soll das Uefa-Exekutivkomitee eine
Entscheidung fällen. "Mir gefällt dieser Gedanke", betont der
57-Jährige. "Ich habe viele Sympathien für diese Idee." Was wenig
verwundert, sie stammt schließlich von ihm.

Die Fußballöffentlichkeit ist verwundert. Platini verkauft seine
Reform als große europäische Idee, aber gleichzeitig trägt die Uefa
ihre Europameisterschaften zu Grabe. Die Euro der Zukunft droht somit
zu einer zweiten Champions League zu verkommen. Auch die Königsklasse
des Klubfußballs wurde so lange aufgestockt, sodass ein Verein nicht
einmal mehr Landesmeister sein muss, um sich mit den Besten der
Besten messen zu dürfen. Am Ende aber gewinnen bekanntlich immer nur
die üblichen Verdächtigen. Der Rest ist Füllmaterial oder billiges
Kanonenfutter für die Millionenklubs.
Eine Euro zwischen Tiflis, Lissabon, Moskau und Helsinki wird zu
einer EM ohne Herz. Dass auf Fans schon lange keine Rücksicht mehr
genommen wird, spiegelt sich in nahezu allen Uefa-Plänen wider.
Platini schmettert diese Kritik als kleinlich ab, er verweist auf
Billigairlines. Der Uefa geht es nur darum, Geldquellen weiter
sprudeln zu lassen. Ein heftiger Wettstreit der Austragungsstädte
wird entflammen, eine Unzahl an Bewerbern in Konkurrenz treten. Den
Zuschlag erhalten die Bestbieter - wie immer. Wie Katar für die
Wüstenweltmeisterschaft 2022.

Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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