- 22.06.2012, 18:34:37
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"Die Presse" - Leitartikel: Wer die Welt retten will, sollte ein Dorf verwalten können, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 23.06.2012
Wien (OTS) - Jetzt ist auch die globale Moralblase geplatzt: Das
Vertrauen, dass globale Probleme durch globale Institutionen gelöst
werden, ist aufgebraucht.
Rio, 20 Jahre danach: Die Hoffnung auf eine "neue Weltordnung", die
nach dem Ende der großen Ost-West-Konfrontation alle Bereiche der
Gesellschaft erfasst hat, ist verflogen. Drei Kernbegriffe lagen dem
neuen Optimismus zugrunde: Freiheit, Sicherheit und Nachhaltigkeit.
Das Globalisierungsparadigma war noch überwiegend positiv besetzt: Da
nun aus zwei Welten eine geworden war, fiel die große, ultimative
Bedrohung der atomaren Auseinandersetzung weg, niedergerissene Mauern
und abgebaute Grenzbalken sollten freie Handels- und
Wirtschaftsbeziehungen quer über den Globus erleichtern, gemeinsam
erarbeitete Standards zum Schutz der Umwelt und zur Schonung der
natürlichen Ressourcen sollten den erhofften Wachstumsschub
nachhaltig gestalten.
Die Sicherheitsillusion hielt ein knappes Jahrzehnt, bis zu den
großen Terroranschlägen des 11. September. Die Wachstums- und
Wohlstandsillusion schaffte es trotz der Dotcom-Delle des Jahres 2001
noch einmal fast ein Jahrzehnt - allerdings schon begleitet von
düsteren Vorahnungen. Die Nachhaltigkeitsillusion hielt am längsten,
weil die Anwälte der Natur rechtzeitig einen Strategiewechsel von
Hoffnung auf Bedrohung vollzogen. Die apokalyptischen Szenarien der
IPPC-Klimaprognosen waren eindrucksvoll genug, um das Thema über den
ökonomischen Meltdown von 2008/2009 hinaus auf der globalen Agenda zu
halten. Die eben zu Ende gegangene "Rio+20"-Konferenz dürfte auch auf
diesem Feld so etwas wie einen Schlusspunkt bedeuten.
Das Vertrauen darauf, dass es für die globalen Probleme von Umwelt
und Ressourcen globale Lösungen durch globale Institutionen geben
wird, ist aufgebraucht. Das hat sicher damit zu tun, dass sich die
Machtverhältnisse auf der politischen und ökonomischen Weltbühne
verschoben haben. Im Gefüge der neuen Mächte aus dem Osten und dem
Süden verfügen die Anwälte der Ökologie nicht annähernd über den
gesellschaftlichen und politischen Einfluss, den sie in Europa und
Nordamerika haben. Während also das chinesische Regime weitgehend
unbehindert seine ökonomischen und politischen Expansionsstrategien
umsetzen kann, sehen sich die Regierungen des Nordens mit
fundamentalen Zweifeln an ihrer Lösungskompetenz für die anstehenden
Probleme konfrontiert.
Die oft geäußerte These, dass man in wirtschaftlichen
Krisensituationen eben weniger Rücksicht auf ökologische
Fragestellungen nehme, weil es darum gehe, durch Wachstum um jeden
Preis die Stabilität der Sozialsysteme und damit den sozialen Frieden
zu erhalten, greift vermutlich zu kurz. Auch der Verdacht, dass ein
Trend zurück zu nationalen, regionalen und individuellen Egoismen den
Bemühungen um einen global organisierten, schonenden Umgang mit den
Ressourcen der Erde das Wasser abgrabe, ist unzutreffend.
Vielleicht muss man einfach konstatieren, dass nach der Dotcom- und
der Immobilienblase jetzt eben auch die Moralblase geplatzt ist: Zu
deutlich zeigt sich, dass der hohe Ton, in dem während der
vergangenen Jahre über die immer wieder letzten Gelegenheiten zur
Rettung der Welt vor dem menschenverschuldeten Untergang gesprochen
wurde, ein großes Ablenkungsmanöver war.
Das ändert nichts an der Dringlichkeit der Probleme. Aber es ist an
der Zeit, darüber nachzudenken, ob wir - im Großen wie im Kleinen -
über die angemessenen Instrumente zu ihrer Bewältigung verfügen. Man
muss endlich das Misstrauen von Menschen ernst nehmen, die immer
deutlicher sehen, dass das ständige Delegieren von Entscheidungen auf
die übergeordnete Ebene nicht die Lösung, sondern das Problem ist.
Das gilt für ökonomische Fragen ebenso wie für politische und
ökologische.
Die Ausrede, dass wir es nur noch mit globalen Problemen zu tun
hätten, die man eben auch nur global lösen könne, zieht nicht mehr.
Die Legitimationskrise der politischen Institutionen ist nur in der
direkten Interaktion mit mündigen Bürgern zu bewältigen, nicht durch
eine kollektive Flucht ins Globale.
Wer die Welt retten will, muss zeigen, dass er zumindest ein Dorf
vernünftig verwalten kann.
Rückfragehinweis:
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