• 20.06.2012, 18:40:17
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"Die Presse"-Leitartikel: Der Webmaster bei Humboldt allein reicht noch nicht aus, von Oliver Pink

Ausgabe vom 21.Juni 2012

Wien (OTS) - Von der "Karriere mit Lehre" bis zur "Generation
Praktikum": Nicht jeder Mythos im Bildungssystem entspricht auch der
Realität. Sagt zumindest die Statistik.

Die umfassende Erhebung der Statistik Austria über die beruflichen
Lebenswege junger Menschen nach Abschluss ihrer Ausbildung bestätigt
auf den ersten Blick das, was man ohnehin immer schon geahnt hat: Wer
eine Allgemeinbildende Höhere Schule besucht, kann eigentlich gar
nicht anders, als ein Studium zu beginnen. Denn die ein wenig
berufsweltfremde (Aus-)Bildung, die Gymnasiasten acht Jahre lang
genossen haben - kaum wirtschaftliche oder juristische
Wissensvermittlung, dafür das Erlernen mehr oder weniger toter
Sprachen wie Latein -, lässt ihnen kaum eine andere Wahl, als sich
die Fähigkeiten für ihre spätere berufliche Tätigkeit auf einer
Universität anzueignen.

Allerdings - und das widerspricht dann doch dem, was in zahllosen
Aufsätzen zum Thema "Generation Praktikum" stets wiedergegeben wird:
Wer eine Universitätsausbildung abgeschlossen hat, hat zumindest in
Österreich die Chance auf einen passablen Job und eine ansprechende
Bezahlung. Zwei Drittel aller Universitäts- oder
Fachhochschulabsolventen finden innerhalb der ersten drei Monate nach
Abschluss ihres Studiums eine adäquate Arbeit. Sagt die Statistik.
Auch wenn das möglicherweise nicht unbedingt der persönlichen
Wahrnehmung vieler junger Menschen in diesem Land entspricht.

Für die Gesellschaft wohl noch brisanter als das viel diskutierte
(post-)universitäre Prekariat ist allerdings jenes tatsächliche auf
den unteren Sprossen der Ausbildungsleiter. Zehn Prozent aller
Pflichtschulabsolventen brechen ihre Ausbildung ab, die meisten
nehmen den direkten Weg zum Arbeitsamt. Nicht verschwiegen werden
soll, dass der Anteil der Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln
erwartungsgemäß höher ist: 18 Monate nach Abschluss der Pflichtschule
besuchen 22 Prozent von ihnen keine weitere Ausbildungsstätte. Und
wer über kein entsprechendes Potenzial als Fußballer oder
Gangsta-Rapper verfügt, dem wird der gesellschaftliche Aufstieg
möglicherweise - oder sogar ziemlich sicher - verwehrt bleiben.

Und selbst wer eine Lehre abgeschlossen und die Berufsschule
unbeschadet abgesessen hat, verliert sehr leicht den Anschluss an das
Ausbildungssystem. Und ohne entsprechende Weiterbildung könnte die
"Karriere mit Lehre" rasch wieder zu Ende sein. Der Webmaster bei
Humboldt allein dürfte dafür noch nicht reichen.

Vielmehr wäre die in Deutschland und der Schweiz schon erprobte
Berufsakademie, eine Art Uni für die Absolventen von Lehrberufen,
eine probate Alternative, in der diese jene zusätzlichen Skills
erwerben können, die in der heutigen Arbeitswelt unerlässlich sind.

Den Schluss, den Konrad Pesendorfer, der Generaldirektor der
Statistik Austria und frühere wirtschaftspolitische Berater im
Kabinett von SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann, aus seinen Daten zieht
- dass die frühe Selektion der Schüler in Österreich das zentrale
Problem darstellt -, kann man ziehen. Muss man aber nicht. Denn gemäß
den Erhebungen seines Amts sind es ja gerade die mangelnden Aus- und
Weiterbildungsangebote nach der Pflichtschule und der darauffolgenden
Lehre, die die Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten hemmen.

Freilich ist auch nicht ganz auszuschließen, dass wir aufgrund der
frühen Weggabelung in unserem Bildungssystem "die Chance auf einen
Literaturnobelpreisträger vergeben haben, weil er zu früh eine
Werkslehre gemacht hat", wie es Konrad Pesendorfer plakativ
formuliert. Aber: Es werden weiterhin auch Mechaniker, Installateure
und Elektriker benötigt. Nur eben besser und zeitgemäßer
ausgebildete.

Und dann wäre da noch der Mythos, dass Frauen deutlich weniger
verdienen als Männer. Ja, es stimmt. Und es stimmt so auch wieder
nicht. Frauen in klassischen Frauenberufen verdienen tatsächlich
weniger als Männer. Frauen in Männerberufen allerdings verdienen
entsprechend gut. Es kommt also immer weniger darauf an, welches
Geschlecht, sondern eher, welchen Job man hat.

Sagt, wie gesagt, die Statistik. Und irgendwem muss man ja vertrauen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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