• 17.06.2012, 18:45:47
  • /
  • OTS0041 OTW0041

"Die Presse" - Leitartikel: Wir haben zu wenig Erfahrung im Umgang mit Dauerkrisen, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 18.06.2012

Wien (OTS) - Wir Mitteleuropäer der mittleren Generation wissen
nicht, wie es ist, lange in einer unsicheren Situation zu leben. Wir
brauchen schnelle Rettungen oder Untergänge.

Ungefähr neun Monate muss es her sein, dass George Soros, einer der
ganz Großen des Geldgeschäftes, bei einem Abendessen im kleinen Kreis
in einem Wiener Traditionsrestaurant erklärt hat, dass die Europäer
noch drei Monate Zeit hätten, um den Euro zu retten. Mehr nicht.
Jetzt bekommen wir und der Euro wieder eine Chance, allerdings wieder
die letzte: Christine Lagarde, frühere Finanzministerin der Grande
Nation und heute Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF),
erklärte kürzlich, dass zur Rettung des Euro noch genau drei Monate
blieben.
Den Euro retten, das hieß damals und das heißt heute in den Augen der
Deutschland-Kritiker: mehr Geld drucken, Garantien abgeben,
klarmachen, dass die anderen Europäer sprichwörtlich um jeden Preis
dafür sorgen würden, Griechenland und die anderen Wackelkandidaten im
Euro zu halten. Die deutsche Fantasie von der schwäbischen Hausfrau,
die durch Sparsamkeit den etwas aus der Balance geratenen Haushalt
wieder in Ordnung bringen müsse, sei nicht nur naiv, sagen die
Deutschland-Kritiker, sondern sogar gemeingefährlich.
Dem als "Dr. Doom" bekannt gewordenen Ökonomen Nouriel Roubini und
dem Harvard-Historiker Niall Ferguson (Autor einer großartigen
Geschichte des Finanzmarktgeschehens unter dem Titel "The Ascent of
Money") blieb es vergangene Woche vorbehalten, die große Keule gegen
Deutschland zu schwingen: Reichskanzler Brünings Austeritätspolitik
habe in Kombination mit der europäischen Bankenkrise Anfang der
1930er-Jahre die Deutschen Hitler in die Arme getrieben, schrieben
Ferguson und Roubini in einem gemeinsamen Text für die "Financial
Times", den auch der "Spiegel" übernahm. Angela Merkel müsse sich
bewusst sein, dass ihr Festhalten an der Sparpolitik angesichts der
heutigen europäischen Bankenkrise wieder zu einer Gefährdung der
ohnehin fragiler gewordenen Demokratie führen könne.
Wo die Argumente aufhören, beginnen die apokalyptischen Fantasien,
das ist nicht neu. Der große Angriff mit der historischen Moralkeule
wird seinerseits die zentrale Verschwörungstheorie befeuern, die man
hierzulande auch von Spitzenbankern hören kann: Wir befinden uns in
einem transatlantischen Währungskrieg, den die Amerikaner begonnen
haben, weil sie um den Status des Dollar als weltweiter Leitwährung
fürchten. Ohne diesen Status wäre es den Amerikanern, deren
Haushaltssituation noch viel schlimmer ist als die der meisten
europäischen Staaten, schon lange nicht mehr möglich, ihre Schulden
zu exportieren.
Noch wissen wir nicht, wann unsere nächste, vermutlich ebenfalls
letzte Dreimonatsfrist zur Verhinderung des Weltuntergangs beginnen
wird. Ziemlich sicher ist nur, dass wir uns in einer schwierigen
Situation befinden, für die es kaum historische Präzedenzen - der
Vergleich Brüning/Merkel hinkt nicht, er fährt im Rollstuhl - und für
deren Bereinigung es kein Patentrezept gibt.
Die Welt im Allgemeinen und der Euro im Besonderen werden mit großer
Wahrscheinlichkeit auch dann nicht innerhalb der kommenden drei
Monate untergehen, wenn alle nichts tun. Und auch der Ausgang der
griechischen Parlamentswahlen samt ihren Konsequenzen für diese oder
jene Regierungskonstellation wird nicht der eine Punkt sein, an dem
sich Europas Wohl und Wehe entscheidet.

Wir Mitteleuropäer der mittleren Generation haben, das zeigt sich
jetzt, zu wenig Erfahrung im Umgang mit Dauerkrisensituationen. Dass
eine unübersichtliche, schwer lösbare Situation sich über Jahre
zieht, halten wir schlecht aus, da muss dann schnell einmal eine
Rettung oder ein Untergang her, damit wir uns wieder orientieren
können. Die Bürger der ehemaligen Ostblockstaaten sind da geübter,
das wird mit ein Grund dafür sein, dass sie in der derzeitigen
Situation deutlich gelassener agieren.
Viel mehr als Trends ablesen, die durch das eine oder das andere Set
von Entscheidungen beeinflusst werden, kann man derzeit nicht. Die
zeitlich präzisen Prognosen der Apokalyptiker fußen nicht auf mehr
Wissen, sondern auf mehr Angst.

Rückfragehinweis:
[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel