• 15.06.2012, 18:30:07
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"Die Presse" - Leitartikel: Griechenland zeigt uns heute, was uns morgen bevorsteht, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 16.06.2012

Wien (OTS) - Alle Ideen für die Bewältigung der Eurokrise zeigen,
dass noch immer niemand bereit ist, von der Wohlstandsillusion in die
Realität zurückzukehren.

Wie in aller Welt konnte es dazu kommen, dass eine Volkswirtschaft
von der Größe und Struktur Griechenlands in der Lage ist, das
europäische Bankensystem und die Gemeinschaftswährung in seiner
Existenz zu gefährden? Das fragen sich viele, die an diesem
Wochenende gebannt nach Athen schauen, wo der Ausgang der
Parlamentswahlen mit darüber entscheiden soll, wie es mit Europa und
seiner Gemeinschaftswährung weitergehen wird.
Im Wesentlichen existieren für die Beantwortung dieser Frage zwei
Hypothesen. Die erste: Skrupellose Agenten der Märkte haben
Griechenland als Geisel genommen, und ihre nächsten Opfer sind schon
identifiziert - Spanien und Italien. Die zweite: Die Europäer waren
fahrlässig und haben zugelassen, dass sich die Griechen, die sich
schon die Teilnahme an der Währungsunion durch manipulierte Daten
erschlichen haben, mit dem billigen Geld aus Frankfurt ein schönes
Leben gemacht haben, für das die anderen jetzt auf die eine oder
andere Weise die Zeche zahlen müssen.
Was die beiden Hypothesen gemeinsam haben, ist ihre Irrelevanz. Ob
das eine oder das andere mehr oder weniger wahr ist, hilft niemandem
bei der Bewältigung der Aufgabe, die jetzt vor den Europäern liegt:
den bereits entstandenen Schaden so zu begrenzen, dass es nicht in
einer Kettenreaktion zu einem unkoordinierten Auseinanderbrechen des
Euro kommt.

Die europäische und angloamerikanische Mehrheitsmeinung empfiehlt
dazu eine massive Ausweitung der Geldmenge und die Vergemeinschaftung
der europäischen Schulden ohne Limit. Dazu bedarf es einerseits der
kurzfristigen, demokratisch nicht legitimierten Zentralisierung von
Wirtschafts- und Fiskalpolitik und andererseits einer
Rekapitalisierung der europäischen Banken direkt aus den Mitteln von
EFSF und ESM. Vor allem Letzteres scheint tatsächlich unausweichlich,
denn die derzeit praktizierte Alternative - Stärkung der
Eigenkapitalquote durch Reduktion des Kreditgeschäfts und
Finanzierung von nicht mit Eigenkapitalunterlegungspflicht belegten
Staatsanleihen - kann nur schiefgehen. Was die Vergemeinschaftung der
Schulden betrifft, ziert sich Deutschland noch aus guten Gründen,
aber Angela Merkel wird dem Druck nicht standhalten.
Die Alternative wäre die Investition von intellektuellen,
finanziellen und politischen Ressourcen in einen geplanten Austritt
Griechenlands aus der Eurozone. So, und vermutlich nur so könnte man
es dem Land ermöglichen, in einer Kombination aus Finanzhilfe und
neuen geldpolitischen Spielräumen wieder Wachstum zu generieren. Wie
das unter den - verschärften - Bedingungen des Euro-Regimes gehen
soll, weiß kein Mensch.

Welche Pläne auch immer nach dem Wahlergebnis am Sonntagabend aus der
Schublade gezogen werden: Die Gespräche über den Euro, die
Bankenkrise und die Staatsschuldenkatastrophe legen nahe, dass das
Grundproblem weiterhin konsequent verdrängt wird. Was wir heute
erleben, ist das Platzen einer Wohlstandsblase. Die Illusion, in der
wir während des vergangenen Jahrzehnts gelebt haben, wird auf die
eine oder andere Art korrigiert werden müssen. Je später, umso
schmerzhafter. Das handelsübliche Gerede darüber, dass man in einer
solchen Situation von allzu harten Austeritätsprogrammen Abstand
nehmen und stattdessen Wachstumsimpulse setzen müsse, ist nichts
anderes als die Aufrechterhaltung einer Illusion.
Die einzige relevante Frage ist, ob es gelingt, ökonomische und
politische Steuerungsmechanismen zu entwickeln, die die
unausweichliche Korrektur nach unseren Vorstellungen von Fairness und
Gerechtigkeit vonstattengehen lassen. Die jetzt geplante Geld- und
Schuldenschwemme wird dazu führen, dass bestehende Vermögen
irgendwann auf dem Weg der Inflation unterschiedslos vernichtet
werden.
Ist das wirklich fair und gerecht?
Griechenland ist für Europa deshalb von so großer Bedeutung, weil es
uns schon heute im Kleinen zeigt, wo wir im Großen enden, wenn wir
uns nicht bald der Realität stellen.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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