- 13.06.2012, 13:10:09
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Ärztekammer: Gesundheitsreform bringt Mehrklassen-Medizin
Finanzpolitische Interessen im Vordergrund - staatliche Bevormundung von Patienten und Ärzten
Wien (OTS) - Massive Bedenken äußerte der Präsident der
Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner, gegen die von
Bund, Ländern und Sozialversicherungen heute verkündete Einigung zur
geplanten Gesundheitsreform. Diese stelle finanzpolitische Ziele in
den Vordergrund, diene in erster Linie der Entlastung der
Länderbudgets und höhle mittelfristig den niedergelassenen Bereich
aus, kritisierte Dorner am Mittwoch in einer Aussendung.
So sei damit zu rechnen, dass die fachärztliche Versorgung aus dem
niedergelassenen Bereich in medizinische Versorgungszentren verlagert
werde, die wiederum in "abgespeckten" Spitälern errichtet würden. Die
bewährte Partnerschaft zwischen Ärzten und Sozialversicherungen werde
de facto aufgekündigt, ein von der Politik diktierter Stellenplan
würde die Vertragsfreiheit ersetzen, um damit einen wesentlichen Teil
der Gesundheitsversorgung in die Zentren zu verschieben, die in den
Spitälern errichtet würden. Dorner: "So motiviert man junge,
engagierte Medizinerinnen und Mediziner sicher nicht dazu, eine
eigene Ordination zu führen, erst recht nicht, wenn die fachärztliche
Versorgung ohnehin in die Spitäler verlagert werden soll." Als Mittel
gegen den drohenden Ärztemangel vor allem am Land sei diese Maßnahme
denkbar ungeeignet, so der oberste Ärztevertreter. Der wohnortnahen
Versorgung werde somit der Geldhahn zugedreht.
Überhaupt nichts hält der Ärztechef von der Koppelung des
Gesundheitsbudgets an das Bruttoinlandsprodukt: "Was passiert in
Zeiten von Wirtschafts- und Finanzkrisen? Stagniert dann auch die
medizinische Versorgung?", so Dorner. Der Gesundheitszustand der
Menschen richte sich ja nicht nach dem Wirtschaftswachstum, im
Gegenteil: Es sei erwiesen, dass sich die Gesundheit in Krisenzeiten
verschlechtere. Die vitalen Bedürfnisse kranker Menschen dürften sich
nicht an "virtuellen Finanztöpfen" orientieren. Dorner: "Wir steuern
geradewegs auf eine Mehrklassen-Medizin zu. Medizinische Leistungen
wird es in vollem Umfang nur noch für jene geben, die sich einen
Privatarzt leisten können." Das angepeilte Einsparungsziel von 3,5
Mrd. Euro bis zum Jahr 2016 führe notgedrungen zu Verschlechterungen
und gehe zu Lasten der Patienten, bekrittelte der Ärztepräsident.
Die ÖÄK habe ein gesundheitspolitisches Programm erarbeitet, das auf
sozialen Ausgleich bedacht sei. Die Grundsäulen seien eine
transparente Finanzstruktur sowie ein auf die Realität
zugeschnittenes Gruppenpraxengesetz, das einerseits den Ausbau der
wohnortnahen Gesundheitsbetreuung ermögliche und andererseits die
Spitalsambulanzen entlaste, erklärte der Ärztepräsident. Basis der
optimierten Primärversorgung durch spezielle Haus- und
Vertrauensärzte sei eine überfällige Reform der Ausbildung zur
Allgemeinmedizin. Die Gesundheitsreform von Bund, Ländern und
Sozialversicherungen sei indes keine Option, sondern bedeute "massive
Eingriffe in die Freiberuflichkeit des Arztberufes, eine staatliche
Bevormundung von Patienten und Ärzten und eine Zentralisierung des
Gesundheitssystems", so Dorner.
Das nächste Woche in Bregenz tagende Ärzteparlament werde sich mit
der Gesundheitsreform intensiv auseinandersetzen und die notwendigen
Beschlüsse fassen, sagte der Ärztepräsident abschließend. (sl/ms)
Rückfragehinweis:
Pressestelle der Österreichischen Ärztekammer
Mag. Martin Stickler
Tel.: (++43-1) 513 18 33-14
Email: [email protected]
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