DER STANDARD - Kommentar "Der Countdown läuft" von Michael Völker

Ausgabe vom 11.6.2012

Wien (OTS) - Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss kamen
die politischen Schweinereien unter reger Beteiligung der FPÖ und ihrer Proponenten zur Sprache. In der Zeit der gemeinsamen Regierung mit Wolfgang Schüssels ÖVP haben sich freiheitliche Freibeuter ungeniert die Taschen vollgeräumt. Das Wort "Privatisierung" wurde von manchem blauen Funktionär wortwörtlich genommen. Das alles hat der FPÖ politisch kaum geschadet.
Die Abspaltung des BZÖ und die späte Wiedervereinigung mit einem Teil dieser Truppe machte die Zuordnung schwierig. Heinz-Christian Strache war als Wiener Parteichef in wesentliche Entscheidungsabläufe zwar eingebunden und trug die strategische wie personelle Ausrichtung mit, dennoch ist es ihm im Nachhinein gelungen, sich abzuputzen und die Abläufe so darzustellen, als hätten er und seine Kumpanen nichts damit zu tun, als sei Jörg Haider eine Zufallsbekanntschaft am Rande einer Sonnwendfeier gewesen. Das Raubrittertum, das sich unter blau-oranger Regierungsbeteiligung als politische Strömung etabliert hat, wird der FPÖ in der allgemeinen Wahrnehmung offenbar nachgesehen. Die Umfragewerte waren in den letzten Wochen und Monaten tadellos: Bis zu 27 Prozent wurden der FPÖ prognostiziert, Platz eins schien möglich.
Dann kam Martin Graf. Mit einem ganz und gar unpolitischen Thema. Er sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, die man in Wien als Erbschleicherei umschreiben würde. Dass Graf und seine blauen Freunde, viele von ihnen mit Gesichtsverletzungen, im Forschungszentrum Seibersdorf wirtschaftlichen Kollateralschaden angerichtet hatten - vergeben und vergessen. Aber einer alten Dame das Geld wegzunehmen - geht gar nicht. Das wollen die Leute nicht, das verzeiht der Boulevard nicht, und tatsächlich sinken die Umfragewerte. Dass die Kronen Zeitung Graf, den falschen Rechtsanwalt, der nur Rechtsanwaltswärter ist, auf Seite_1 als potenziellen "Hochstapler" zur medialen Schlachtung freigibt, kann Parteichef Strache als letzten Schuss vor den Bug gar nicht missverstehen.
So einen wie Graf will man nicht, abseits aller politischen und ideologischen Debatten und Argumente. Jemand, der die Unehrlichkeit vor sich herträgt, ist in der Partei, die damit kokettiert, Hort der Anständigen zu sein, nicht tragbar. Da ist der politische Preis zu hoch. Grafs Tage als Nationalratspräsident sind gezählt. Der Countdown läuft. Strache zählt mit.

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