• 04.06.2012, 18:33:56
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"Die Presse"-Leitartikel: Die Verschiebung der Matura darf kein Selbstzweck sein, von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 05.06.2012

Wien (OTS) - Claudia Schmied hat eingelenkt. Dafür gebührt ihr
Anerkennung. Die neu gewonnene Zeit muss genützt werden, um die
Zentralmatura gewinnbringend umzusetzen.

Wenn Claudia Schmied ein letztes bisschen Verantwortungsgefühl hat,
muss sie handeln. Und die Zentralmatura verschieben", hieß es
vergangene Woche an ebendieser Stelle. Und Claudia Schmied hat
gehandelt. Sie hat eingesehen, dass die "Termintreue", auf die sie
bei der Einführung der neuen Matura bis vor Kurzem mantraartig
gepocht hat, nicht zum bloßen Selbstzweck verkommen darf.

Der Ministerin gebührt Anerkennung für diesen Schritt. Auch wenn sie
ihn wohl nicht aus freien Stücken gesetzt hat, sondern er vor allem
dem steigenden Druck von Experten, Lehrern, Eltern und Schülern
geschuldet ist: Einzusehen und einzugestehen, dass ein Projekt, das
ein ganz zentraler Teil der eigenen Reformagenda ist, doch nicht
umsetzbar ist, bedarf einiges mehr an Selbstreflexion, als man
gewillt ist, so manchem österreichischen Politiker zuzugestehen.

Die Häme jener, die bisher die Verschiebung gefordert haben und deren
Wunsch die Ministerin nun entsprochen hat, ist daher fehl am Platz.
Schmied hat auf die Experten (in- und außerhalb der Klassenzimmer)
gehört - und das einzig Richtige getan. Unabhängig davon, ob man eine
Zentralmatura grundsätzlich befürwortet oder ablehnt: Wenn die
Verunsicherung unter allen Betroffenen so groß ist, wie sie es bei
der Zentralmatura war, kann diese nur scheitern.

An dieser Stelle endet das Lob für die Ministerin auch schon wieder.
Jetzt geht es vor allem darum, die neu gewonnene Zeit zu nutzen, um
einen problemfreien Start der neuen Matura im Schuljahr 2014/15 an
den AHS und im Schuljahr 2015/16 an den berufsbildenden höheren
Schulen zu ermöglichen. Denn wie die "Termintreue" kein Selbstzweck
sein darf, so darf auch die Verschiebung keiner sein. Das sei vor
allem Elmar Mayer - für alle, die ihn nicht kennen: Mayer ist der
Bildungssprecher der SPÖ - gesagt. Wenn sich Mayer (wie er es gestern
getan hat), dazu hinreißen lässt, die Verschiebung der Matura als
"Sternstunde" der Bildungspolitik zu bezeichnen, dann darf bezweifelt
werden, dass er verstanden hat, worauf es ankommt. Dass in einem so
starren, veränderungsresistenten Bildungssystem wie dem
österreichischen eine Verschiebung von an sich guten Reformen zwar
"notwendig", aber nie eine "Sternstunde" sein kann, sollte man als
gemeinhin bekannt voraussetzen.

Und, ja: Genau hierin liegt auch die Zweischneidigkeit der Vorgänge
um die Zentralmatura. So richtig ihre Verschiebung jetzt war, so
wichtig ist ihre Umsetzung zum neuen Zeitpunkt. Denn an sich ist eine
Zentralmatura genau das, was das wettbewerbs- und vergleichsscheue
heimische Schulsystem benötigt. Wenn, wie in Österreich, die Matura
die zentrale Zugangsbedingung zu einem Studium ist, muss - zumindest
- in den sogenannten Hauptfächern sichergestellt sein, dass alle
Schüler, die ein Maturazeugnis in der Hand halten, gewisse
Mindeststandards erfüllen. Und zwar unabhängig von Lehrer und
Schulstandort. Die Zentralmatura muss diese Vergleichbarkeit der
Leistung herbeiführen. Das sei vor allem der Lehrergewerkschaft
gesagt, die nach dem Rückzieher der Ministerin bereits orakelte, dass
sich ein Start der neuen Matura auch ein Jahr später nicht ausgehen
könnte. Weitere Verzögerungen bewusst zu provozieren, wäre
fahrlässig.

Die Bedingungen für die neue Matura: Sie muss besser konzipiert,
besser kommuniziert und besser umgesetzt werden. Erstens: Zu
vermeiden ist vor allem eine Nivellierung nach unten, wie sie viele
Lehrer etwa bei der Durchsicht der neuen Mathematik-Maturabeispiele
befürchteten. Das zuständige Bildungsinstitut Bifie muss nachbessern,
und dabei auch auf die Einschätzung der Praktiker in den Klassen
hören. Die Zentralmatura muss Standards definieren, nicht die
bestehenden Mindestleistungen einzementieren. Zweitens: Die
Beurteilungskriterien müssen, anders als bisher, eindeutig geklärt
werden. Und drittens: Die Lehrer müssen vorbereitet werden. Durch
Informations- und Fortbildungsveranstaltungen, die verpflichtend zu
besuchen sind.

Schmied ist auf die Skeptiker unter den Lehrern und in der
Gewerkschaft zugegangen. Wenn diese Handschlagqualität beweisen
wollen, sind sie nun gefordert, zum Gelingen der Reform
kritisch-konstruktiv beizutragen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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