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"Die Presse"-Leitartikel: Monarchy in the U. K.: Herrschaft im Konjunktiv, von Thomas Kramar
Ausgabe vom 04.06.2012
Wien (OTS) - Königin Elizabeth II. herrscht seit 60 Jahren, übt
aber keine Macht aus. Dieses Paradoxon ist das eigentliche Geheimnis
der Aura der britischen Monarchie.
God save the Queen", sang die Mezzosopranistin Katherine Jenkins am
Samstag beim traditionellen Pferderennen in Epsom bei London,, das
die Besungene, Elizabeth II., zu besuchen pflegt. Ob sie das Lied -
das man nun seit 60 Jahren als ihr Lied bezeichnen kann - mit
besonders strenger Rührung oder einfach besonders gerührt gehört hat,
ist nicht überliefert.
Es ist auch schon 35 Jahre her, dass die britische Punkband Sex
Pistols zum silbernen Thronjubiläum einen ganz anderen Song namens
"God Save the Queen" veröffentlichte. Vom "fascist regime" war darin
die Rede, und über die Queen sang der Sänger, der sich Johnny Rotten
nannte: "She ain't no human being." Und er rief: "No future for you!"
Vom "test of time" sprechen die Briten, in diesem Fall kann man
leidenschaftslos sagen: Die Königin hat den Test der Zeit bestanden,
die Zeile der Sex Pistols nicht. Genauso wenig wie die Titelzeile
ihres ersten Hits: 36 Jahre nach "Anarchy in the U. K." herrscht noch
immer "Monarchy in the U. K.". Und Rotten, der unter seinem
bürgerlichen Namen John Lydon unlängst ein respektables Album
veröffentlicht hat, reagierte auf die Feiern seines einstigen
Hohnobjekts giftig und resignativ: Er habe sich gewundert, dass die
Queen noch lebe . . .
Ja, das schiere Überleben ist eine ganz ursprüngliche Form der Macht,
das hat Elias Canetti in "Masse und Macht" ausgeführt. Mächtig ist,
wer am Fluss sitzt und zusieht, wie die Leichen seiner Feinde
vorbeischwimmen. Bei konstitutionellen Majestäten wie Elizabeth II.
wird diese kontemplative Form der Macht noch subtiler. Denn sie hat
keine Feinde, einfach indem sie keine Feinde zur Kenntnis nimmt. So
hat sie selbst auf die Schmähungen der Sex Pistols genauso wenig
reagiert wie auf alle Konzepte der Antiroyalisten, die gegen die
sentimentalen Wogen, die auszulösen die britische Monarchie noch
lange imstande sein wird, freilich keine Chance haben.
Das ist ein gutes Rezept für Autoritäten: Beleidigungen nimmt man
nicht zur Kenntnis, lässt sie abprallen. Die Majestätsbeleidigung
kann die Majestät nicht kränken, nein, sie bestätigt sie geradezu.
Die Majestät darf nur nicht reagieren.
Sie darf auch nicht regieren. Ein weiteres Geheimnis der
Unerschütterlichkeit, der Dauerhaftigkeit der britischen Monarchie
ist ihre Machtlosigkeit. Es ist ein schönes Paradox: Am beständigsten
ist die Macht, die nicht ausgeübt wird, gar nicht ausgeübt werden
kann. Die sozusagen vollkommen gezähmt ist.
So ist die konstitutionelle Monarchie im Vereinigten Königreich - die
manche konsequent als "parlamentarische Monarchie" bezeichnen, weil
die Regentin ihre Hoheitsrechte ausschließlich gemäß den Vorgaben von
Parlament und Regierung ausüben kann - der Grenzwert von politischen
Formen, die es auch in manchen Republiken gibt, etwa in Deutschland
und Österreich. Die Rede ist vom Amt des Bundespräsidenten. Dieser
ist ja Staatsoberhaupt, regiert aber nicht wirklich. Seine Herrschaft
ist im Normalfall eine Herrschaft im Konjunktiv. Genau dieser
Verzicht auf wirkliche Macht ist es, die den Präsidenten in
Österreich und Deutschland eine Aura der Würde garantiert, die
französische oder US-Präsidenten nicht kennen. Sie spielen die Rolle
des Großvaters, nicht des Vaters, sind damit auch vor
vatermörderischen Ansinnen gefeit. Wer sie attackiert, prallt ab.
In Österreich haben die Präsidenten Waldheim und Klestil - einfach
indem sie sich nicht als ungreifbar gerierten und erwiesen - diese
Tradition ein wenig erschüttert; der jetzige Präsident erfüllt sie,
scheint's, ganz gut. Das sollte vielleicht auch bedenken, wer Heinz
Fischer vorwirft, dass er sich zu manchen politischen Themen nicht
äußert: Die Aura dieses Amtes beruht eben darauf, dass sein Träger
oft nichts sagt, zumindest viel weniger, als er ohne Amt sagen würde.
Das hat übrigens laut deutschen Kommentatoren auch Präsident Joachim
Gauck schnell gelernt.
Elizabeth II. hat, das kann man schon vor Meldungsschluss getrost
schreiben, am Sonntag nichts gesagt, was das politische Leben ihres
Königreiches verändern könnte. Nichts zur Finanzkrise, nichts zur EU,
nichts zur Armut. Sie blieb abstrakt, eine Königin ohne Macht, sie
wurde umjubelt. No future? Auf viele Jahre!
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