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"Die Presse" Leitartikel: Das Europäische an Europa ist nicht das Finanzielle, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 02.06.2012
Wien (OTS/Die Presse) - Wie lange es den Euro noch gibt, weiß
niemand. Ob die EU sich von ihren Überdehnungssymptomen erholt, ist
offen. Nur um Europa muss man sich nicht sorgen.
Europa neu denken" lautet der Titel einer wissenschaftlichen Tagung,
die an diesem Wochenende in Triest in vielerlei Varianten der Frage
nachgeht, was Europa ausmacht und wie es seinen Bewohnern leichter
fallen könnte, so etwas wie ein europäisches Heimatgefühl zu
entwickeln. Sprache, Alltagskultur und Hochkultur, so viel lässt sich
sagen, spielen dabei eine größere Rolle als die Zinsen, die man
derzeit für griechische und spanische Kreditausfallversicherungen
lukrieren kann.
Man muss nicht sehr tief in die europäische Herkunft eintauchen, um
zu begreifen, dass Thilo Sarrazin mit seinem Buchtitel "Europa
braucht den Euro nicht" die europäische Zukunft weit über den
finanzpolitischen Horizont hinaus beschreibt. Man kann und muss
Sarrazins These sogar zuspitzen: Nicht wenn der Euro scheitert,
scheitert Europa. Europa scheitert, wenn die Behauptung, dass ein
Scheitern des Euro Europa in Gefahr bringen könnte, ernst gemeint
ist.
Günter Grass' neuestes Gedicht "Europas Schande" ist handwerklich
vermutlich der schlechteste lyrische Text, der in diesem Jahrhundert
in einer renommierten deutschsprachigen Zeitung erschienen ist.
Inhaltlich markiert er die endgültige Kapitulation eines Teils der
antikapitalistischen Intellektuellen vor der von ihnen so lautstark
beklagten Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Da wird tatsächlich
mit maximalem Pathos beklagt, dass ein Austritt Griechenlands aus dem
Euro ein Verrat an der europäischen Herkunft wäre. So kann nur
schreiben, wer nicht denkt oder wer denkt, dass das Europäische an
Europa das Finanzielle ist.
Der andere Teil der antikapitalistischen Intellektuellen (man könnte
auch schreiben: "der Intellektuellen", aber es besteht immerhin die
theoretische Möglichkeit, dass auf dem Kontinent auch liberale
Intellektuelle ein unentdecktes, glückliches Leben führen) hat sich
dazu entschlossen zu glauben, dass Europa das Bürokratische ist. Die
Europäische Union in ihrer Gewordenheit wird zwar ob ihrer
Demokratie- und Legitimationsdefizite kritisiert, gilt aber doch als
Europa schlechthin. Würde die Union zerfallen, zerfiele in ihren
Augen Europa. Auch das ist ein Verrat an der Idee, zu deren
Verteidigung die weißen Buchstabenritter ausrücken.
Europa braucht weder den Euro noch die europäische Union. Nicht
daran, dass er das ausspricht, erkennt man den Antieuropäer, sondern
daran, dass er es bestreitet. Es gibt für diese Behauptung
ausreichend faktische Evidenz: Wer würde bezweifeln, dass die Schweiz
ein Teil Europas ist? Was sagt uns der Umstand, dass nur 17 von 27
Mitgliedern den Euro als Währung haben?
Kein vernünftiger Mensch wird hoffen, dass die Europäische Währung
kollabiert. Kein vernünftiger Mensch wird das Ende der Europäischen
Union herbeisehnen. Aber es ist an der Zeit zu sehen, dass die
Europäische Union dabei ist, neben ihrem finanziellen auch ihr
symbolisches Kapital zu verspielen. Die lindernde Salbe der
Kooperation, die wesentlichen Anteil daran hatte, dass die Wunden der
Jahrhundertkatastrophe heilen konnten, hat sich durch unsachgemäße
Lagerung zum zentralistischen Suchtmittel entwickelt. Die regelmäßig
geführte Klage, es sei doch ganz im Gegenteil eine schreckliche
Renationalisierung zu beobachten, die uns zurück an die Abgründe des
Faschismus bringen könnte, geht an den Tatsachen vorbei: Wir erleben
keine Renationalisierung, sondern einen nationalistisch inszenierten
Kampf um die beste Position im zentralistischen Spiel.
Wie lange es den Euro noch gibt, kann keiner sagen, ob die
Europäische Union ihre Überdehnungssymptome kurieren kann, wird man
sehen. Ohne Schmerzen wird beides nicht zu haben sein.
Finanzpolitisch ist das inzwischen allen klar. Dass auch die
Wiedergewinnung einer politischen Perspektive für die Union nicht
ohne gröbere Turbulenzen zu haben sein wird, hat die öffentliche
Wahrnehmungsschwelle noch nicht überschritten.
Nur um Europa muss man sich keine Sorgen machen: Es hat so viel
Herkunft, dass seine Zukunft nicht zu verhindern ist, nicht von der
Union und nicht von ihrer gemeinsamen Währung.
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
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