Zum Konzept der standardisierten Reife- und Diplomprüfung

Reaktion auf die Artikel "Experte: 'Die Zentralmatura ist riskant'" und "Experte warnt vor Niveauverlust bei Mathematik-Matura" (APA/Die Presse/Der Standard, 31.05.2012)

Salzburg (OTS) - Wer von verringerten Anforderungen oder gar Niveauverlust spricht, muss diese Anforderungen inhaltlich, kontextbezogen und - in der Mathematik besonders relevant - vom Abstraktionsgrad her definieren. Die Definition, welche Anforderungen die bundesweite Norm darstellen, einer kleinen Gruppe von Fachleuten zu überlassen, entspricht nicht dem vom BIFIE gewählten Ansatz für die Entwicklung standardisierter Klausuraufgaben. Diese werden auf Basis der Lehrpläne und bildungstheoretischer Überlegungen von speziell ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern, die die österreichische Schullandschaft repräsentativ vertreten, entwickelt und im Rahmen mehrerer Qualitätsschleifen überarbeitet. Unterstützt werden die Lehrkräfte dabei sowohl von Fachwissenschafterinnen und Fachwissenschaftern als auch von Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Testpsychologie. Schließlich werden die Aufgaben in breit angelegten Feldtestungen erprobt und gegebenenfalls adaptiert.

Diese Feldtestungen sollen nicht - wie in jüngsten Medienberichten behauptet - aufzeigen, was eine überwiegende Mehrheit der Schüler/innen gerade bewältigen kann, um gezielt auf dieses Niveau abgestimmte Aufgaben auszuwählen. Sie dienen vielmehr dazu, die Angemessenheit des Schwierigkeitsgrads für die gesamte betroffene Schülerschaft auszuloten: Die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse (Lösungshäufigkeiten) der Feldtestungen gewährleistet die Zusammenstellung von Prüfungspaketen, die durchschnittlich begabten Schülerinnen und Schülern, die redlich gearbeitet haben, die positive Bewältigung der Prüfung ermöglichen, die zugleich aber das gesamte Leistungsspektrum der Schülerschaft und damit die gesamte Notenpalette abdecken. Dies bedeutet, dass die vom BIFIE erstellten Klausuren auch Aufgaben enthalten, die ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Reflexion bei der Anwendung von Grundkompetenzen erfordern. Darüber hinaus werden Aufgaben, die unverzichtbare Kompetenzen überprüfen, nicht verworfen, auch wenn sie in den Feldtestungen als schwierig erkannt wurden. Dies würde ein wesentliches Ziel der standardisierten Reife- und Diplomprüfung unterminieren, nämlich die nachhaltige Absicherung aller wesentlichen Kompetenzen im jeweiligen Unterrichtsgegenstand.

Der zweite, mindestens ebenso wichtige Grund für Feldtestungen:
Sie gewährleisten, dass der Schwierigkeitsgrad der Klausuren von Termin zu Termin und über die Jahre in hohem Maß vergleichbar ist -ein unabdingbares Gebot standardisierter Prüfungen.

Drittens, schließlich, wird im Rahmen der Feldtestungen die Qualität der Aufgaben (Eindeutigkeit und Verständlichkeit von Aufgabenstellung und Lösungserwartung, Vermeiden einer Benachteiligung bestimmter Schülergruppen etc.) überprüft. Damit sind Feldtestungen ein wichtiges Korrektiv für die Arbeit jener Expertinnen und Experten, die die Aufgaben erstellen und schlussendlich auswählen.

Ein großer Vorteil dieses empirischen Modells ist sein dynamischer Charakter: Es erlaubt zunehmend, auch in den Abschlussprüfungen auf die Stärken und Schwächen des Unterrichts einzugehen und damit steuernd zu wirken.

Das BIFIE geht selbstverständlich konform mit der Auffassung, dass sich der Unterricht weiterentwickeln müsse: "Verstehen, erklären und anwenden können" als zentrale Schülerkompetenzen müssen in noch stärkerem Maß als bisher handlungsleitende Prinzipien im Unterricht werden.

Dem Vorschlag, als Übergangslösung die Beurteilungsmaßstäbe in Klassen mit besonders vielen Minderleistungen anzupassen, kann das BIFIE wenig abgewinnen: Dies würde den Zielen standardisierter Prüfungen, Vergleichbarkeit und Fairness zu garantieren und verlässliche Aussagen über die tatsächlich erworbenen Kompetenzen zu treffen, eklatant widersprechen, ja einer Manipulation und Täuschung künftiger Arbeitgeber und tertiärer Bildungsinstitutionen gleichkommen. Es zählen die methodische Güte der Aufgabenstellungen, ein hoher fachlicher Anspruch sowie die Gewähr, dass die Klausuraufgaben tatsächlich eine repräsentative Auswahl unverzichtbarer Grundkompetenzen überprüfen.

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LSI Mag. Gabriele Friedl-Lucyshyn
Leiterin des BIFIE Wien
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