- 01.06.2012, 11:36:49
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Zum Konzept der standardisierten Reife- und Diplomprüfung
Reaktion auf die Artikel "Experte: 'Die Zentralmatura ist riskant'" und "Experte warnt vor Niveauverlust bei Mathematik-Matura" (APA/Die Presse/Der Standard, 31.05.2012)
Salzburg (OTS) - Wer von verringerten Anforderungen oder gar
Niveauverlust spricht, muss diese Anforderungen inhaltlich,
kontextbezogen und - in der Mathematik besonders relevant - vom
Abstraktionsgrad her definieren. Die Definition, welche Anforderungen
die bundesweite Norm darstellen, einer kleinen Gruppe von Fachleuten
zu überlassen, entspricht nicht dem vom BIFIE gewählten Ansatz für
die Entwicklung standardisierter Klausuraufgaben. Diese werden auf
Basis der Lehrpläne und bildungstheoretischer Überlegungen von
speziell ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern, die die
österreichische Schullandschaft repräsentativ vertreten, entwickelt
und im Rahmen mehrerer Qualitätsschleifen überarbeitet. Unterstützt
werden die Lehrkräfte dabei sowohl von Fachwissenschafterinnen und
Fachwissenschaftern als auch von Expertinnen und Experten aus dem
Bereich der Testpsychologie. Schließlich werden die Aufgaben in breit
angelegten Feldtestungen erprobt und gegebenenfalls adaptiert.
Diese Feldtestungen sollen nicht - wie in jüngsten Medienberichten
behauptet - aufzeigen, was eine überwiegende Mehrheit der
Schüler/innen gerade bewältigen kann, um gezielt auf dieses Niveau
abgestimmte Aufgaben auszuwählen. Sie dienen vielmehr dazu, die
Angemessenheit des Schwierigkeitsgrads für die gesamte betroffene
Schülerschaft auszuloten: Die wissenschaftliche Auswertung der
Ergebnisse (Lösungshäufigkeiten) der Feldtestungen gewährleistet die
Zusammenstellung von Prüfungspaketen, die durchschnittlich begabten
Schülerinnen und Schülern, die redlich gearbeitet haben, die positive
Bewältigung der Prüfung ermöglichen, die zugleich aber das gesamte
Leistungsspektrum der Schülerschaft und damit die gesamte
Notenpalette abdecken. Dies bedeutet, dass die vom BIFIE erstellten
Klausuren auch Aufgaben enthalten, die ein hohes Maß an
Eigenständigkeit und Reflexion bei der Anwendung von Grundkompetenzen
erfordern. Darüber hinaus werden Aufgaben, die unverzichtbare
Kompetenzen überprüfen, nicht verworfen, auch wenn sie in den
Feldtestungen als schwierig erkannt wurden. Dies würde ein
wesentliches Ziel der standardisierten Reife- und Diplomprüfung
unterminieren, nämlich die nachhaltige Absicherung aller wesentlichen
Kompetenzen im jeweiligen Unterrichtsgegenstand.
Der zweite, mindestens ebenso wichtige Grund für Feldtestungen:
Sie gewährleisten, dass der Schwierigkeitsgrad der Klausuren von
Termin zu Termin und über die Jahre in hohem Maß vergleichbar ist -
ein unabdingbares Gebot standardisierter Prüfungen.
Drittens, schließlich, wird im Rahmen der Feldtestungen die
Qualität der Aufgaben (Eindeutigkeit und Verständlichkeit von
Aufgabenstellung und Lösungserwartung, Vermeiden einer
Benachteiligung bestimmter Schülergruppen etc.) überprüft. Damit sind
Feldtestungen ein wichtiges Korrektiv für die Arbeit jener
Expertinnen und Experten, die die Aufgaben erstellen und
schlussendlich auswählen.
Ein großer Vorteil dieses empirischen Modells ist sein dynamischer
Charakter: Es erlaubt zunehmend, auch in den Abschlussprüfungen auf
die Stärken und Schwächen des Unterrichts einzugehen und damit
steuernd zu wirken.
Das BIFIE geht selbstverständlich konform mit der Auffassung, dass
sich der Unterricht weiterentwickeln müsse: "Verstehen, erklären und
anwenden können" als zentrale Schülerkompetenzen müssen in noch
stärkerem Maß als bisher handlungsleitende Prinzipien im Unterricht
werden.
Dem Vorschlag, als Übergangslösung die Beurteilungsmaßstäbe in
Klassen mit besonders vielen Minderleistungen anzupassen, kann das
BIFIE wenig abgewinnen: Dies würde den Zielen standardisierter
Prüfungen, Vergleichbarkeit und Fairness zu garantieren und
verlässliche Aussagen über die tatsächlich erworbenen Kompetenzen zu
treffen, eklatant widersprechen, ja einer Manipulation und Täuschung
künftiger Arbeitgeber und tertiärer Bildungsinstitutionen
gleichkommen. Es zählen die methodische Güte der Aufgabenstellungen,
ein hoher fachlicher Anspruch sowie die Gewähr, dass die
Klausuraufgaben tatsächlich eine repräsentative Auswahl
unverzichtbarer Grundkompetenzen überprüfen.
Rückfragehinweis:
LSI Mag. Gabriele Friedl-Lucyshyn
Leiterin des BIFIE Wien
Telefon: +43-1-5336214
E-Mail: [email protected]
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