- 31.05.2012, 09:51:55
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AVISO: Quadriga 12 zu "Erinnern als gesellschaftlicher Prozess" Zum Paradigmenwechsel in der Kultur des Erinnerns und Gedenkens
Wien (PK) - Die Bedeutung von Erinnerung und Erinnerungskultur als
Teil gesellschaftlicher Prozesse ist Thema des zwölften Abends im
Rahmen der Veranstaltungsserie Quadriga, zu der
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer heute, am 30. Mai 2011, ins
Palais Epstein einlädt. Erinnerungskultur ist ein junger Begriff im
kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs. Es geht dabei um den
kollektiven Umgang mit Vergangenheit und deren Deutung in der
Gegenwart. Es geht auch darum, wie erinnert wird und welche Zeichen
gesetzt werden, um das Vergangene, das Gegenwärtige und das
Zukünftige zu verbinden. Die Erinnerung an die Zeit des
Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer hat eine besondere
Kultur des Erinnerns und Gedenkens hervorgebracht. Diese steht
derzeit vor einem Paradigmenwechsel, denn sehr bald werden auch die
letzten ZeitzeugInnen nicht mehr unter uns sein.
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer wird folgende
PodiumsteilnehmerInnen begrüßen: den ärztlichen Leiter des
psychosozialen Zentrums ESRA Klaus Mihacek, die Historikerin und
Kuratorin Lisa Rettl und die Widerstandskämpferin Katharina Sasso.
Die Moderation des Abends übernehmen Zita Bereuter (FM4) und Peter
Zimmermann (Ö1).
Veranstaltungsbeginn ist um 18.00 Uhr. Für die Teilnahme ist eine
verbindliche Anmeldung unter [email protected]
erforderlich.
Folgende Bücher werden präsentiert und diskutiert:
Maria Halmer, Anton Pelinka, Karl Semlitsch (Hg.): Was bleibt von der
Shoah? Kontext, Praxis, Nachwirkungen. Braumüller Verlag (2012).
Dana Giesecke, Harald Welzer: Das Menschenmögliche. Zur Renovierung
der deutschen Erinnerungskultur. Edition Körber-Stiftung (2012).
Maja Haderlap: Engel des Vergessens. Wallstein Verlag (2011).
Nicht nur in Worten, auch in Taten. Die Erinnerungen der Katharina
Sasso. Hörbuch im Supposé Verlag (2012).
Die präsentierten Bücher im Überblick
Wir stehen an einer Zeitenwende, stellen die HerausgeberInnen im
Vorwort des Sammelbandes: "Was bleibt von der Shoah? Kontext, Praxis,
Nachwirkungen" fest. Noch geben einzelne Überlebende des Holocaust
ein unmittelbares und tief beeindruckendes Zeugnis von der Shoah.
Doch es wird unabänderlich eine Zeit ohne diese Zeitzeugen kommen und
spätestens dann stellt sich die Frage, was an Erinnerung bleibt. Der
erste Teil des Bandes enthält Beiträge mit Überlegungen zur
institutionalisierten Erinnerungskultur in Österreich im
internationalen Vergleich. Im zweiten Teil wird die Arbeit von
Organisationen dargestellt, welche Überlebenden der Shoah und ihren
oftmals ebenfalls traumatisierten Nachkommen Betreuung und Hilfe
anbieten: die international tätige Organisation Amcha und das
psychosoziale Zentrum ESRA in Wien.
Dana Giesecke, Harald Welzer: Das Menschenmögliche. Zur Renovierung
der deutschen Erinnerungskultur. Edition Körber-Stiftung (2012). Die
Soziologen Dana Giesecke und Harald Welzer setzen sich in dieser
Untersuchung kritisch mit der Praxis der deutschen Erinnerungskultur
sechzig Jahre nach dem Nationalsozialismus und dem Holocaust
auseinander und merken an, diese verfehle ihr Ziel, Orientierung für
die Gegenwart und eine Basis für zukünftiges Handeln zu bieten. Um
aus der Geschichte zu lernen, müsse sie als Prozess und nicht nur als
Abfolge von Ereignissen begriffen werden. Dazu sei es notwendig, sich
mit den Mechanismen von Ausgrenzung und unmenschlichem Verhalten
auseinanderzusetzen, aber auch damit, wie Menschen
Handlungsalternativen erkennen und Widerstand leisten können. Die
AutorInnen konzipieren deshalb ein "Haus der menschlichen
Möglichkeiten" als Ausstellungsort neuen Typs. Es soll der
Auseinandersetzung mit negativen und positiven Potenzialen des
Menschen dienen.
Der Roman "Engel des Vergessens" ist das mit dem Ingeborg-Bachmann-
Preis 2011 ausgezeichnete Prosa-Debüt der Kärnter Autorin Maja
Haderlap. Er stellt eine literarische Verarbeitung der Geschichte der
slowenischen Minderheit in Kärnten während der Zeit des
Nationalsozialismus dar. Scheinbar nebensächliche Details des
alltäglichen Lebens auf dem Bauernhof an der Grenze zu Slowenien
lassen erkennen, welche Traumata die Geschichte in den BewohnerInnen
dieser Gegend hinterlassen hat. Haderlap arbeitet mit einem Mosaik
fragmentierter Erinnerungen und einem steten Wechsel der Perspektive
und Chronologie. Teils wird mit kindlicher Naivität vom Leben der
Großmutter, Vater und Mutter berichtet, dann wieder in fast
essayistischer Weise der größere historischen Kontext herzustellen
versucht. Dialoge werden in indirekter Rede wiedergegeben, die
Erzählzeit ist das Präsens. Dadurch entsteht die Ambivalenz von
Unmittelbarkeit und Distanz zu den Ereignissen.
Das Hörbuch "Nicht nur in Worten, auch in Taten" beruht auf
ausführlichen lebensgeschichtlichen Interviews mit Katharina Sasso.
Sie berichtet von glücklichen Kinderjahren im Burgenland bei der
kroatischsprachigen Großmutter mütterlicherseits, von den Eltern in
Wien und deren Involvierung in die Arbeiterbewegung und den
Widerstand gegen den Faschismus. In der Zeit des Nationalsozialismus
wurde die noch minderjährige Katharina Sasso wegen kommunistischer
Tätigkeit verhaftet und des "Hochverrats" angeklagt. Jahre in
verschiedenen Gefängnissen und im KZ Ravensbrück folgten. In ihrem
ganz persönlichen, unprätentiösen, dabei aber sehr prägnanten
Sprachduktus erzählt Sasso vom Widerstand als Versuch,
Menschlichkeit, Solidarität und Gedankenfreiheit angesichts eines
unmenschlichen Regimes zu bewahren. (Schluss)
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments (www.parlament.gv.at)
im Fotoalbum.
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