Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 15. Mai 2012. Von MANFRED MITTERWACHAUER. "Der Mitleids-Faktor".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der Innsbrucker Koalitionspoker
endet für die ÖVP mit einem unsanften Fall auf die Oppositionsbank. Die generalstabsmäßige Demontage des Wahlsiegers durch die Ampelkoalition dämpft die Hoffnung auf eine neue Politik.

Eigentlich muss einem die Innsbrucker Volkspartei fast schon leidtun. Da schafft es die ÖVP in der Gemeinderatswahl vom 15. April, vom vierten Platz volley am jahrelangen Hausherrn "Für Innsbruck" im Gemeinderat auf Platz eins vorbeizuziehen, und darf sich zu Recht als strahlender Gewinner feiern lassen, und dann das: Der Siegerscheck ist in Wahrheit ein One-way-Ticket in die Opposition. Das Bürgermeisteramt verwehrte Christoph Platzgummer der Innsbrucker Wähler, den Vizebürgermeisterposten hat ihm nun Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer (Für Innsbruck) zunichtegemacht. Und dass es mit einer Koalitionsbeteiligung nichts wird, dafür hat ausgerechnet ein Ampelbündnis aus FI, Grünen und SPÖ gesorgt. Punktum: Die ÖVP hat einfach keinen Lauf. Und wird - fast schon symptomatisch - zu einer Auszeit auf der Oppositionsbank verdonnert.
Mitleid gehört der Stadt-VP auch hinsichtlich der Rolle ihrer Mutterpartei auf Landesebene spendiert. Auch die hat keinen Lauf. Hilflos schaut sie zu, wie die gelbe Schwester ihrem schwarzen Bruder auf Stadtebene genüsslich ein Haar ums andere rupft. Landeshauptmann Günther Platter ist seit Tagen auf Tauchstation, anstatt dem bürgerlichen Showdown ein Ende zu bereiten. Auch so kann man sich auf eine - ohnehin schwierige - Landtagswahl vorbereiten. Darauf zu warten, wer von den zwei Bürgerlichen im für die Landes-VP so wichtigen Wählerreservoir Innsbruck als Erster am Boden liegt. Der Gewinner bleibt ja ein Bürgerlicher.
Mitleid ist aber keine politische Kategorie. Absolute Mehrheiten werden im parteimäßig zersplitteten Innsbruck nicht an der Wahlurne geboren. Sie sind Ergebnis zäher Verhandlungen nach dem Wahltag. Und auch der Wählerwille ist ein dehnbarer Begriff. Was im Innsbrucker Gemeinderat zählt, sind 21 von 40 Mandaten auf der Habenseite. Wer regieren will, braucht nicht mehr. So einfach ist das.
Und dennoch: dass Oppitz-Plörer und die neue Ampelregierung die ÖVP derart am Nasenring führen, verwundert. Schwingt mit einer Ampelregierung bei vielen Bürgern doch auch die Hoffnung auf eine neue Politik, eine neue Art des Umgangs untereinander mit. Kein Begleichen alter Rechnungen, kein Denken in Freund-Feind- respektive Regierung-Opposition-Kategorien mehr. Eine Hoffnung, die mit der Vorführung der ÖVP einen Dämpfer erhalten hat. Die ÖVP ist aus dem Rennen, die Ampel am Zug. Jetzt, da die Fronten klar sind, gilt es wieder, für Innsbruck zu arbeiten - gemeinsam.

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