• 04.05.2012, 09:41:30
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Daniel Spoerri im Naturhistorischen Museum - ein inkompetenter Dialog?

Eine Ausstellung von 23. 5. bis 17. 9. 2012 in den Sälen 16 und 17 des Naturhistorischen Museums Wien

Ein inkompetenter Dialog? Eine Ausstellung von 23. 5. bis 17. 9. 2012 in den Sälen 16 und 17 des Naturhistorischen Museums Wien.

Wien (OTS) - Das Naturhistorische Museum in Wien zeigt vom 23. Mai
bis 17. September 2012 die Ausstellung "Daniel Spoerri im
Naturhistorischen Museum - ein inkompetenter Dialog?". Auf Einladung
des NHM lässt sich Daniel Spoerri, eine der herausragendsten
Künstlerpersönlichkeiten des 20. und 21. Jahrhunderts, der Erfinder
der Eat-Art auf einen unkonventionellen Dialog mit den
Museumssammlungen ein.

Abgesehen von den Fallenbildern, die Tableaux pièges, auf denen
die Reste von Tischgesellschaften fixiert wurden, ist Daniel Spoerri
auch für sein leidenschaftliches Sammeln berühmt. In den meisten
seiner Assemblagen finden sich Objekte wieder, die üblicherweise in
naturhistorischen Museen gesammelt werden. Schon immer faszinierten
Daniel Spoerri Knochen, Hörner, Hölzer und seltene Steine. Solche
Objekte waren auch Bestandteil der Wunderkammern der Renaissance, es
waren Dinge, über die man staunte, weil man sie sich nicht erklären
konnte, aber verstehen wollte.

Es ist sein ausgeprägter Sinn für skurrile Objekte sowie seine
profunden Kenntnisse der Wunderkammer-Tradition musealer Sammlungen,
die die Faszination von Daniel Spoerris Kunstwerken ausmachen.
Sammlungen sind das Herzstück jedes Museums. In Museen wird Ordnung
produziert. Die auf Reisen, Expeditionen oder andere Art erworbenen
Objekte werden in Museen sortiert, präpariert, katalogisiert,
bestimmt und mit Namen, Fundort und Datum versehen. Heute werden die
meisten neuen Arten im Museum beschrieben. Erst der Vergleich mit
anderen und ähnlichen Sammlungsobjekten ermöglicht die Bestimmung.

Schon seit den 1960er Jahren spielten Sammlungen eine bedeutende
Rolle in Daniel Spoerris OEuvre. Einige seiner Kollektionen, wie ein
Regal mit 117 Fläschchen mit Wasserproben aus bretonischen Brunnen
oder "Darwin's Nudlrad-Collection" sind in der Ausstellung zu sehen.
Wie kommt es zur Referenz zu Charles Darwin? Der Künstler sieht die
von Darwin beschriebene Evolution (sei es eine Weiterentwicklung oder
eine Sackgasse) von Flora und Fauna auch in Objekten abgebildet, da
der Mensch nach gleichen Prinzipien Artefakte herstellt, die er
ständig verändert und zu verbessern sucht.

Über ein Jahr besuchte der Künstler die umfangreichen Depots,
Archive, Werkstätten und Sammlungsräume mit ihren Millionen von
Objekten. Dies führte zu einem Dialog mit den Museumsmitarbeiterinnen
und Mitarbeitern, es wurden Hintergründe und Spezifika der Sammlungen
diskutiert, und Daniel Spoerri konnte besondere Objekte und Exponate
für sich entdecken. Daraus entwickelte er die Idee zu dieser
Ausstellung, wurde zur Kreation neuer Kunstwerke inspiriert und er
entschloss sich, seine Arbeiten den naturkundlichen Sammlungen des
Museums gegenüberzustellen. Zugleich spiegelt die Ausstellung die in
wissenschaftlichen Abteilungen gegliederte Struktur des Museums
wider.

Im ersten Saal werden die wissenschaftlichen Disziplinen Botanik,
Prähistorie, Anthropologie und Erdwissenschaften thematisiert. 2.600
Jahre alte Keramiken, Metallgegenstände und Schmuck aus dem
Gräberfeld von Hallstadt stehen Objekten von Daniel Spoerris
"Déjeuner sous l'herbe" gegenüber. Spoerri hatte 1983 die Reste eines
großen Banketts für 100 Personen vergraben lassen. Nach 30 Jahren
wurden Teile davon wissenschaftlich ausgegraben. Ein Tableau-piège,
basierend auf einem Abguss der archäologischen Grabungssituation, ist
gemeinsam mit den ausgegrabenen Überresten in der Schau zu sehen.

Die Vergänglichkeit und der Tod sind im Museum allgegenwärtig.
Unter dem Titel "Alpha & Omega" platziert Daniel Spoerri Totenschädel
auf alten Kinderstühlchen. Sie werden einer Serie von archäologischen
Schädeln aus der Anthropologischen Sammlung von über 40.000
menschlichen Schädeln und Skelettresten gegenübergestellt, dabei
erinnert die nachgestellte Depotsituation an die Anordnung von
Schädeln in Beinhäusern. Die Einbindung der Anthropologie in ein
Naturkundliches Museum im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
verweist zudem auf die Einordnung des Menschen in das Natursystem und
dessen Stellung in der biologischen Systematik. Zudem gibt die
Aufstellung nach Nummerus currens, also entsprechend dem Eintrag im
Inventarbuch, Einblick in die Sammlungs-geschichte. Währen der letzen
Jahre geraten zunehmend wissenschaftsgeschichtliche Themen und die
Provenienz von menschlichen Überresten, die während der Kolonialzeit
oder im Nationalsozialismus gesammelt wurden, in den Blickpunkt. In
der aktuellen Forschung zu menschlichen Skelettresten aus
archäologischen Grabungen versuchen Wissenschafterinnen und
Wissenschafter sowohl Spuren der Biographie des bestatteten
Individuums, wie auch Aussagen über Lebensbedingungen früherer
Epochen zu gewinnen.

Zu den paläontologischen und mineralogischen Sammlungen assoziiert
Daniel Spoerri Assemblagen mit Meteoriten, Fossilien und aus Kalk
aufgebauten Hartteilen von Meeresorganismen, bei denen vor allem die
"Schädelkoralle" hervorzuheben ist: eine große Koralle auf einem
Schädel montiert, weckt Assoziationen mit einer üppigen Lockenfrisur
ebenso wie mit einem Gehirn.

Herbarien als Sammlungen getrockneter Pflanzen entstanden in der
Mitte des 16. Jahrhunderts als Gegenstück zu den bebilderten
Kräuterbüchern des Mittelalters. Zu den ältesten deutschen Herbarien
zählen die "Kräuterbücher" des Hieronymus Harder, von denen eines aus
dem Jahr 1599 im Naturhistorischen Museum Wien aufbewahrt wird. Es
enthält sorgfältig aufgeklebte, getrocknete Pflanzen, wobei z. B.
Teile wie Früchte oder Wurzeln durch kolorierte Zeichnungen ergänzt
sind.

Für seinen Werkzyklus "Herbarium" wählte Daniel Spoerri aus den
botanischen Sammlungen Bündel von unbearbeiteten Herbarblättern, auf
die er - ähnlich einer Doppelbelichtung - Stücke aus seinem Fundus
montierte.

Im zweiten Saal der Ausstellung bezieht sich der Künstler auf die
zoologischen Sammlungen des Museums. Für Spoerri eine Entdeckung -
für Museumsmitarbeiter etwas ganz Besonderes: das rote Etikett. Immer
wiederkehrend auf Alkoholgläsern, in Form von roten Umschlägen bei
Herbarbögen, auf Insektennadeln mitgespießt, an Präparaten an
Schnüren angehängt. Solcher Art gekennzeichnete Objekte sind das
wissenschaftlich Wertvollste einer naturkundlichen Sammlung. Diese
Typusexemplare auch als "Urmeter" der biologischen Systematik
bezeichnet, sind Erstbeschreibungen einer Art und wesentliche
Referenz für neue Artenbestimmungen. In der Fischsammlung des
Naturhistorischen Museums mit rund einer Million Sammlungsobjekten
sind über 2.000 Arten durch Typusexemplare belegt, die alle in einem
besonders gesicherten Raum aufbewahrt werden. Einige dieser
Fisch-Typen werden ausnahmsweise in dieser Ausstellung zu sehen sein.

Präparation und Konservierung spielen im Museum eine bedeutende
Rolle. Von den toten Tieren werden verwesende Teile entfernt und die
restliche Hülle schließlich als Dermoplastik oder Stopfpräparat
"lebensnah" im Museum ausgestellt. Bei dieser Art von Inszenierung
wird der Tod möglichst unsichtbar. Spoerri stellt galvanisierte
Tierpräparate in den Dialog mit Präparaten des Museums. Durch die
Galvanisierung schafft er eine zusätzliche metallische Hülle um die
präparierte Haut.

In der Säugetiersammlung fand Daniel Spoerri eine unerwartete
Depotsituation vor. Auf einem Metallgerüst hängen vom Boden bis zur
Decke in fünf Meter Höhe große Rinder- und Büffelschädel. Ein Teil
dieser Wand wird in der Ausstellung, ähnlich einer Trophäensammlung,
präsentiert. Dazu inszeniert Spoerri ein Jagdzimmer, eingerichtet mit
Geweihstuhl, Lampe und Assemlagen. Die Herkunft zoologischer Objekte
ist eng mit der Jagd verbunden. Trophäen gelten als Siegeszeichen und
stehen auch als Zeichen der Demonstration von Macht. Bei Jagdtrophäen
werden Teile wie Schädel, Zähne, Geweihe, Hörner oder Felle als
Repräsentanten des erlegten Tieres konserviert und als Zeichen des
Triumphes präsentiert. Neben solchen "Prachtexemplaren" spielen
Anomalien oder Fehlbildungen, nicht nur für Trophäensammler, sondern
auch in Museen eine besondere Rolle. Eine von Daniel Spoerri
getroffene Auswahl von "Abberationen" aus der Geweihsammlung stellt
er Assemblagen von "Krickerl-Kümmerlingen" von Rehböcken gegenüber.

Eine besondere Rarität - nur weltweit zehn Museen besitzen ein
derartiges Objekt - ist der Narwalschädel mit zwei Stoßzähnen,
normalerweise bilden Narwale, Verwandte der Delphine, nur einen bis
zu drei Meter langen Stoßzahn im Oberkiefer aus. In Gegenüberstellung
zeigt Spoerri Einhorninstallationen und knüpft damit unmittelbar an
die Tradition der herrschaftlichen Wunderkammern an, in denen
Narwalzähne als Beweis für die Existenz von Einhörnern galten und zu
den kostbarsten Sammlungsobjekten zählten.

Bei seinen zahlreichen Besuchen im Tiefspeicher des Hauses
entdeckte Daniel Spoerri das Skelett einer Tigerpython ohne Schädel.
Kunstvoll montiert er darüber anstelle des Schlangenkopfes den
Schädel eines Tigers, der soeben ein bunt schillerndes Vögelchen
verschluckt. Ein archiviertes Objekt aus einer wissenschaftlichen
Sammlung wurde im Dialog Daniel Spoerris mit dem Naturhistorischen
Museum und seinem doppeldeutigen Humor zum Kunstwerk. Das
Wechselspiel zwischen Kunst und Natur leitet den Blick auf Details
der Arbeiten von Daniel Spoerri, gleichzeitig ermuntert die
Ausstellung, der Faszination und Reichhaltigkeit der Sammlungen des
Naturhistorischen Museum Wien vielfältig und neu zu begegnen.

Bei den ausgestellten Werken handelt es sich um Leihgaben
renommierter Sammlungen des In- und Auslandes und aus Daniel Spoerris
Privatbesitz.

Das dialogische Grundkonzept der Sonderausstellung ist auch ein
neuer Zugang im Rahmen der von Generaldirektor Univ. Prof. Dr.
Christian Köberl initiierten, immer wieder stattfindenden
Auseinandersetzung des NHM mit Kunst und Natur. Ein reichhaltiges
Führungs- und Vermittlungsprogramm hinter die Kulissen des
Naturhistorischen Museums mit den Wissenschafterinnen und
Wissenschaftern des Hauses, aber auch mit Kunsthistorikerinnen des
mumok und des Ausstellungshauses SPOERRI, Hadersdorf am Kamp ergänzen
die Ausstellung. Die genauen Termine sind in einem Folder sowie auf
www.nhm-wien.ac.at veröffentlicht.

Zu Ausstellung erscheint im Art Kerber Verlag das Buch Daniel
Spoerri im Naturhistorischen Museum - ein inkompetenter Dialog?,
2012, erhältlich um Euro 29,95 im Museumsshop sowie im Buchhandel.

Anlässlich der Ausstellung im NHM zeigt das Ausstellungshaus
SPOERRI in Hadersdorf am Kamp von 6. Mai bis 28. Oktober 2012 die
Schau Natürlich Natur - Paralipomena. Werke von 25 Künstlerinnen und
Künstlern zum Thema Natur und Naturalien. Details unter
www.spoerri.at

Einladung zum Pressegespräch und Ausstellungsrundgang 
am Montag, dem 21. 5. 2012, um 10.30 Uhr


 mit
 
 Daniel Spoerri
 Dr. Margit Berner, Kuratorin der Ausstellung und wissenschaftliche
 Mitarbeiterin der Anthropologischen Sammlung des NHM
 Dr. Reinhard Golebiowski, Kurator der Ausstellung und Direktor der
 Abteilung Ausstellung & Bildung des NHM

 Datum:   21.5.2012, um 10:30 Uhr
 Ort:     Naturhistorisches Museum Wien 
          Maria-Theresien-Platz , 1010 Wien

Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie im AOM / Originalbild-Service
sowie im OTS-Bildarchiv unter http://bild.ots.at

Rückfragehinweis:
Irina Kubadinow
Leiterin Kommunikation & Medien, Pressesprecherin
Naturhistorisches Museum
Tel.: 01 / 521 77 410
Mobil: 0664 415 28 55
e-mail: [email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NHM

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