• 23.04.2012, 21:00:31
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 24. April 2012. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Gefährliches Spiel jenseits von Europa".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die erste Runde der Präsidentenwahl
in Frankreich ist geschlagen. Endgültigen Sieger gibt es noch keinen,
Verlierer freilich viele. Im Wahlkampf hat Frankreich die Realität
ausgeblendet und Europa vor den Kopf gestoßen.

In schweren Zeiten sind Politiker gefragt. Als Krisenmanager, als
Vermittler, als Visionäre und Realisten, die den Wähler nicht für
dumm verkaufen. Im Idealfall. Der Wahlkampf in Frankreich hat uns
wieder einmal das Gegenteil gelehrt.
Hier haben sich die Kandidaten in kollektiver
Wirklichkeitsverweigerung geübt. Von rechts außen bis links außen.
Die beiden politischen Schwergewichte Nicolas Sarkozy und Francois
Hollande haben munter in den unseligen Kanon miteingestimmt. Und im
Endspurt um den Élysée-Palast werden sie dem Wähler wohl noch weitere
Geschichten aus der Trickkiste auftischen. Die Grande Nation
schwächelt. Der Schuldenberg ist auf gigantische Ausmaße angewachsen,
die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft schwächelt und die
Arbeitslosenrate, speziell die Jugendarbeitslosigkeit, ist stetig
gewachsen.
Antworten auf die Krise hat es im Wahlkampf keine gegeben. Während
der Sieger der ersten Wahlrunde, der Sozialist Francois Hollande, mit
einer Abkehr von der auf EU-Ebene vereinbarten Haushaltsdisziplin und
Milliardenversprechen von Seiten des Staates auf Stimmenfang ging,
versuchte Amtsinhaber Nicolas Sarkozy den Flirt mit dem rechten Rand,
um verlorenen Boden gutzumachen. Vom großen Europäer, der Anfang des
Jahres noch vorgab, zusammen mit der deutschen Kanzlerin Angela
Merkel den Euro gerettet zu haben, war plötzlich nichts mehr zu
hören. Er konzentrierte sich lieber darauf, mit der Kündigung des
Schengen-Abkommens zu drohen und Ängste zu schüren.
Da konnte sich die Kandidatin der rechtsextremen Front National,
Marine Le Pen, ins Fäustchen lachen. Mit 17,9 Prozent der Stimmen in
der ersten Wahlrunde zieht sie zwar nicht in die Stichwahl ein, kann
aber zur "Königsmacherin" werden. Um den Rückstand auf seinen
sozialistischen Herausforderer aufzuholen, wird sich Amtsinhaber
Sarkozy in den kommenden zwölf Tagen bis zur endgültigen Entscheidung
noch enger an die rechtsextreme Front National anschmiegen.
Schließlich sieht er hier noch Potenzial.
Von tragfähigen Konzepten für die Zukunft Frankreichs bleibt da
freilich nicht mehr viel übrig. Doch nach einem Wahlkampf jenseits
von Europa und jenseits der Realität kann es für Frankreich noch ein
böses Erwachen geben. Spätestens dann, wenn die vagen Versprechungen
in der Wirklichkeit bestehen müssen. Und die Wähler die Täuschung
durchschauen.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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