Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 24. April 2012. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Gefährliches Spiel jenseits von Europa".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die erste Runde der Präsidentenwahl in Frankreich ist geschlagen. Endgültigen Sieger gibt es noch keinen, Verlierer freilich viele. Im Wahlkampf hat Frankreich die Realität ausgeblendet und Europa vor den Kopf gestoßen.

In schweren Zeiten sind Politiker gefragt. Als Krisenmanager, als Vermittler, als Visionäre und Realisten, die den Wähler nicht für dumm verkaufen. Im Idealfall. Der Wahlkampf in Frankreich hat uns wieder einmal das Gegenteil gelehrt.
Hier haben sich die Kandidaten in kollektiver Wirklichkeitsverweigerung geübt. Von rechts außen bis links außen. Die beiden politischen Schwergewichte Nicolas Sarkozy und Francois Hollande haben munter in den unseligen Kanon miteingestimmt. Und im Endspurt um den Élysée-Palast werden sie dem Wähler wohl noch weitere Geschichten aus der Trickkiste auftischen. Die Grande Nation schwächelt. Der Schuldenberg ist auf gigantische Ausmaße angewachsen, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft schwächelt und die Arbeitslosenrate, speziell die Jugendarbeitslosigkeit, ist stetig gewachsen.
Antworten auf die Krise hat es im Wahlkampf keine gegeben. Während der Sieger der ersten Wahlrunde, der Sozialist Francois Hollande, mit einer Abkehr von der auf EU-Ebene vereinbarten Haushaltsdisziplin und Milliardenversprechen von Seiten des Staates auf Stimmenfang ging, versuchte Amtsinhaber Nicolas Sarkozy den Flirt mit dem rechten Rand, um verlorenen Boden gutzumachen. Vom großen Europäer, der Anfang des Jahres noch vorgab, zusammen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel den Euro gerettet zu haben, war plötzlich nichts mehr zu hören. Er konzentrierte sich lieber darauf, mit der Kündigung des Schengen-Abkommens zu drohen und Ängste zu schüren.
Da konnte sich die Kandidatin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, ins Fäustchen lachen. Mit 17,9 Prozent der Stimmen in der ersten Wahlrunde zieht sie zwar nicht in die Stichwahl ein, kann aber zur "Königsmacherin" werden. Um den Rückstand auf seinen sozialistischen Herausforderer aufzuholen, wird sich Amtsinhaber Sarkozy in den kommenden zwölf Tagen bis zur endgültigen Entscheidung noch enger an die rechtsextreme Front National anschmiegen. Schließlich sieht er hier noch Potenzial.
Von tragfähigen Konzepten für die Zukunft Frankreichs bleibt da freilich nicht mehr viel übrig. Doch nach einem Wahlkampf jenseits von Europa und jenseits der Realität kann es für Frankreich noch ein böses Erwachen geben. Spätestens dann, wenn die vagen Versprechungen in der Wirklichkeit bestehen müssen. Und die Wähler die Täuschung durchschauen.

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