• 23.04.2012, 18:20:10
  • /
  • OTS0239 OTW0239

Die Presse - Leitartikel: "Im Zweifel gilt die Krankheitsvermutung", von Jakob Zirm

Ausgabe vom 24.04.2012

Wien (OTS) - Wer krank ist, muss auch künftig ohne Sorgen
daheimbleiben können. Stärkere Kontrollen, um Missbrauch abzustellen,
sind aber legitim. Auch bei den Ärzten.

Wenn er bis dahin nicht gewusst hat, was ein "Shitstorm" ist - seit
dem Osterwochenende weiß er es. Da forderte Peter Haubner, der
Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes, dass Arbeitnehmer den
ersten Arbeitstag künftig nicht mehr bezahlt bekommen sollen. Auf
diese Weise sollen sie "einen Beitrag" zu den Kosten der
Kurzkrankenstände unter drei Tagen leisten, die sich laut Daten des
Wirtschaftsbundes in den vergangenen zwanzig Jahren verdoppelt haben.
Schon kurz nach dieser Aussage flog Haubner die geharnischte
Ablehnung in Internetforen und Aussendungen der anderen Parteien
förmlich um die Ohren. Selbst die ÖVP distanzierte sich von seinem
Vorschlag.
Dennoch ist das Thema seither an der politischen Tagesordnung. So
ließ nun die neue Wiener ÖAAB-Chefin Gabriele Tamandl aufhorchen, die
für stärkere Kontrollen von "schwarzen Schafen" plädiert. Also
Arbeitnehmern, die häufig vor oder nach einem Wochenende krank
werden. Abseits der Frage, ob der ÖAAB mit diesem Vorstoß nun die
endgültige Selbstaufgabe als Arbeitnehmervertretung beschlossen oder
einfach nur Pragmatismus gezeigt hat, ist ersichtlich, dass auch
Jahrzehnte nachdem der bezahlte Krankenstand hierzulande eingeführt
worden ist, dieser immer noch für Diskussionen sorgt.

Vorneweg ist einmal festzustellen, dass der Vorschlag, den ersten Tag
nicht zu zahlen, schlecht ist. Nicht, weil es eine verrückte Idee aus
dem neoliberalen Hirn eines Wirtschaftslobbyisten ist, wie viele
Kritiker argumentieren. So ist dieses System bereits seit 1993 in
Schweden im Einsatz, einem Land, in dem der soziale Wind bekanntlich
nicht sonderlich rau weht. Sondern, weil es extrem kontraproduktiv
ist, wenn sich etwa Menschen mit ansteckenden Krankheiten in ihre
Unternehmen schleppen, nur um keinen Einkommensverlust hinnehmen zu
müssen.
Doch auch wenn es sinnvoll und ein Zeichen der sozialen
Marktwirtschaft ist, dass Krankenstände bezahlt werden, sollte sich
jeder bewusst sein, dass dadurch für eine Leistung bezahlt wird, die
nicht erbracht wird. Denn auch wenn die Begriffe Arbeitnehmer und
Arbeitgeber es verwischen: Unternehmen kaufen von ihren Mitarbeitern
Arbeitskraft. Ist jemand verhindert, wird diese Arbeitskraft bezahlt,
obwohl es keine Gegenleistung gibt. Und kaum jemand würde in einem
Restaurant für ein Schnitzel bezahlen, das er zwar bestellt hat, das
ihm aber nie gebracht wurde.
Kurzfristig gesehen sind die Kosten für die Firmen zwar überschaubar.
In der Regel wird die liegen gebliebene Arbeit von Kollegen
übernommen oder später nachgeholt. Langfristig bedeutet dies jedoch
einen höheren Mitarbeiterstand, um die Ausfallszeiten zu
kompensieren.

Es ist daher legitim, den Missbrauch von Krankenständen als
zusätzlichen Urlaub zu bekämpfen. Und auch wenn es Arbeiterkammer und
Gewerkschaften nicht wahrhaben wollen: Nicht jeder Arbeitnehmer ist
ehrlich und pflichtbewusst. So grassieren beispielsweise unter
Post-Mitarbeitern in den Weinbaugebieten während der Weinlese jedes
Jahr ominöse Krankheitswellen, weshalb die Zahl der Krankenstände
sprunghaft ansteigt. Und auch Listen, in denen die Krankenstände
vorab eingetragen werden, sollen anderswo schon kursiert sein.
Dass Firmen und Krankenkassen bei Auffälligkeiten genauer
nachschauen, ist daher nicht nur das Recht, sondern auch eine Pflicht
gegenüber jenen Mitarbeitern, die nur daheimbleiben, wenn sie
wirklich krank sind. Denn so wird dem Generalvorwurf vorgebeugt,
jeder, der öfter krank wird, sei ein Tachinierer.
Besonderes Augenmerk sollte dabei auch auf jene Gruppe gelenkt
werden, die in der Diskussion nur am Rande vorkommt: die Ärzte. So
ist es ein unhaltbarer Zustand, wenn bei vielen praktischen Ärzten
die Krankmeldungen von der Sprechstundenhilfe ausgefüllt werden -
ohne dass der Arzt den Patienten je wirklich untersucht. Damit wird
Sozialmissbrauch Tür und Tor geöffnet. Denn beim Krankenstand ist es
wie bei jedem Sozialthema: Nur wenn jene, die Leistung bringen
können, diese auch erbringen, können jene, die weniger Leistung
bringen können, auch mitgetragen werden.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel