• 22.04.2012, 18:15:53
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Die Presse - Leitartikel: "Die französische Sehnsucht nach Schwachstrompolitik", von Michael Laczynski

Ausgabe vom 23.04.2012

Wien (OTS) - Francois Hollande mag bei den Wählern gut ankommen,
doch der sozialistische Monsieur eineinhalb Volt hat kein Rezept für
Frankreichs Modernisierung.

Unter dem Fachbegriff Brownout versteht man gemeinhin einen
Spannungsabfall im Stromversorgungsnetz, der zu einem totalen
Stromausfall - einem Blackout - führen kann. Brownouts ereignen sich
vor allem dort, wo die Netze mit der Dynamik der Stromnachfrage nicht
mehr mithalten können. Und lösen lässt sich das Problem auf zwei
Arten: Entweder wird die Infrastruktur auf Vordermann gebracht, oder
die Verbraucher lernen, mit weniger Strom auszukommen.
Was aber hat diese Exkursion in die Gefilde der E-Wirtschaft mit der
französischen Präsidentenwahl zu tun? Mehr, als es zunächst den
Anschein hat. Vieles deutet nämlich darauf hin, dass sich das
französische Elektorat nichts sehnlicher wünscht als eine Reduktion
der politischen Spannung. Und niemand verkörpert diese Sehnsucht mehr
als Francois Hollande, der Kandidat der Sozialisten, der - sofern die
Demoskopen nicht völlig danebenliegen - als Favorit in die Stichwahl
am 6. Mai geht.
Hollande ist ein Schwachstrompolitiker par excellence - ein Monsieur
eineinhalb Volt, der nie ein Leben außerhalb der geschützten
Werkstatt der Parti Socialiste führen musste. Und dabei wäre es
vermutlich auch geblieben, hätte sich Dominique Strauss-Kahn, der
eigentliche sozialistische Frontrunner, im Vorjahr nicht selbst aus
dem Rennen um die Präsidentschaft katapultiert.
Hollande nutzte die Gunst der Stunde und arbeitete sich mit der
Zähigkeit eines Duracell-Hasen an die Spitze - was angesichts der
Tatsache, dass seine Farb- und Konturlosigkeit das genaue Gegenteil
dessen ist, was sich die Franzosen üblicherweise von ihrem
Staatsoberhaupt wünschen, eine durchaus reife Leistung ist.

Dass dieses Mal alles anders zu sein scheint, liegt an zwei Faktoren:
erstens an der Person Nicolas Sarkozy und zweitens an den
wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, mit denen Frankreich
konfrontiert ist. Dass Sarkozy vielen Franzosen zum Hals raushängt,
wird üblicherweise mit seinem Hang zu Glanz und Glamour begründet -
mit seiner Vorliebe für teure Uhren, schnelle Jachten und reiche
Freunde. Diese Kritik an Sarkozys angeblicher Abgehobenheit entbehrt
nicht einer unfreiwilligen Komik, denn der Sohn eines ungarischen
Einwanderers ist ein Selfmade-Mann - anders als sein Herausforderer
Hollande, der die elitären Kaderschmieden HEC und ENA absolviert hat
und mit Mark und Bein ein Mann des Establishments ist.
Doch hinter diesem oberflächlichen Geplänkel verbirgt sich eine
tiefere Wahrheit: Sarkozy ist ein wandelnder Dynamo, der angetreten
ist, um Frankreich zu modernisieren, und der dabei seinen Mitbürgern,
wie es scheint, zu viel zugemutet hat: Pension ab 62, die Abschaffung
der 35-Stunden-Woche, Steuersenkungen für Leistungsträger - mon dieu,
welch Katalog der Grässlichkeiten!

Der zweite entscheidende Faktor ist die wirtschaftliche Lage, die
seit Jahren alles andere als gut ist. Der französische
Konjunkturmotor stottert, der Schuldenberg nimmt bedrohliche Ausmaße
an, die Ratingagenturen blicken mit Argusaugen nach Paris, während
Deutschland immer weiter davonzieht. Dass viele Franzosen Sarkozy die
Schuld an der ökonomischen Malaise geben, mag zwar aus
psychologischer Perspektive verständlich sein, ist aber dennoch eine
Ironie des Schicksals. Denn während Sarkozy in den vergangenen fünf
Jahren zumindest versucht hat, Frankreich zu modernisieren, hat
Hollande gänzlich andere Vorstellungen: Seine Wahlversprechen, einen
Spitzensteuersatz von 75 Prozent einzuführen und den europäischen
Fiskalpakt neu zu verhandeln, mögen zwar bei der Wählerschaft gut
ankommen, sie setzen aber die Zukunft des Landes aufs Spiel.
Das führt uns zurück zum eingangs erwähnten Brownout: Sollten die
Franzosen am übernächsten Sonntag Hollande und nicht Sarkozy wählen,
sollten sie konsequenterweise auch die Ansprüche zurückschrauben, die
sie an ihr Land stellen. Denn die Energie der sozialistischen
Mignon-Batterien wird nicht ausreichen, um Frankreichs Platz in der
ersten Liga der europäischen Politik zu verteidigen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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