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"Die Presse"-Leitartikel: Wenn Ratingagenturen Horrorbilder malen, von Josef Urschitz
Ausgabe vom 20. April 2012
Wien (OTS) - Ja, wir haben unterkapitalisierte Banken. Das unklug
und überhastet zu ändern könnte freilich die Megakrise, die es
verhindern soll, erst heraufbeschwören.
Standard & Poor\x{2588}s hat uns also nicht nur das dritte A im früheren
AAA-Rating gestrichen, sondern macht sich jetzt auch noch Sorgen um
die Kapitalausstattung der heimischen Banken. Man muss deshalb
freilich nicht gleich mit dem Sparbuch zum Bankschalter rennen und
sein Geld in Sicherheit bringen.
Aus zwei Gründen: Erstens ist die Stressannahme der Ratingagentur ein
aus heutiger Sicht wirklich unrealistisches Horrorszenario. Wenn die
Börsen noch einmal um 60 Prozent einbrechen, das österreichische BIP
um sechs Prozent schrumpft und die Arbeitslosigkeit hierzulande auf
15 Prozent hochschnellt, dann sind, so viel kann man sagen, nicht nur
die heimischen Banken kaputt, sondern die meisten anderen
europäischen auch. Dann haben wir alle ganz andere Sorgen als
Tier-1-Quoten.
Zweitens ist die Sache mit der Unterkapitalisierung der Banken nichts
besonders Neues. Überall in Europa (aber auch in den USA) haben die
Banken zu wenig Eigenkapital für die Risken, die sie eingegangen
sind. Deshalb gibt es ja demnächst die strengeren
Basel-III-Kapitalbestimmungen. Wir reden also nicht von einem
spezifisch österreichischen, sondern von einem globalen Problem. Wie
groß das ist, hat erst vorige Woche die Bank für Internationalen
Zahlungsausgleich (BIZ) angedeutet: Den 200 größten Geschäftsbanken
der Welt fehlen zusammen noch 500 Milliarden Euro, um die
Eigenkapitalbestimmungen von Basel III ab 2015 zu erfüllen. Zudem
wären weitere 1,7 Billionen Euro fällig, um Banken ausreichend
flüssig zu halten. Da klafft ein recht ordentliches Loch.
Die veröffentlichten "harten" Eigenkapitalquoten sagen aber noch
nicht allzu viel aus, weil sie das Gesamtrisiko nicht abbilden. Um
wirklich zu sehen, was läuft, ziehen Finanzexperten die sogenannte
"Leverage Ratio" heran, die das "harte" Eigenkapital in Relation zur
Bilanzsumme - also zum Gesamtgeschäft - setzt. Da kommen die
europäischen Großbanken im Schnitt auf Werte zwischen 1,7 und drei.
Und da sollte man schon anfangen, sich Gedanken zu machen. Eine
"Leverage Ratio" von zwei heißt nämlich nichts anderes, als dass auf
jeden Euro Eigenkapital 50 Euro verliehene Schulden entfallen. Oder
anders herum: Wenn da nur zwei Prozent ausfallen, steht die Bank ohne
Eigenkapital da und ist pleite.
Das klingt sehr technisch, heißt aber im Endeffekt nur, dass die
Banken im Verhältnis zu ihren Eigenmitteln viel zu viel Geld
"draußen" haben. Dieses Geld hat in Form von Investitions- und
Konsumkrediten viel zum starken BIP-Wachstum der vergangenen
Jahrzehnte beigetragen. Man könnte also auch sagen, dass ein Teil des
derzeitigen Wohlstandes mit wachsender Instabilität des Bankensystems
erkauft wurde.
Und jetzt wird die Sache haarig, denn der Bogen wurde ganz
offensichtlich überspannt. Und die Reparatur wird ein ausgesprochener
Drahtseilakt. Die "Leverage Ratio" kann man nämlich auf zwei Arten
substanziell verbessern: Indem man sich auf dem Markt sehr viel
Kapital besorgt (was ziemlich schwierig ist) oder indem man sein
Geschäft stark zurückfährt.
Zweiteres heißt, dass die auf Kredite angewiesene Wirtschaft
finanziell ausgetrocknet wird, was jeden Aufschwung gleich wieder
abwürgen müsste. Da könnte das S & P-Horrorszenario dann sozusagen
zur selbst erfüllenden Prognose werden.
Die industrialisierte Welt hat sich in den flotten Boomjahren also in
eine unangenehme Doppelmühle hineinmanövriert: Sie kann jetzt
entscheiden, ob sie stabilere Finanzinstitute (mit dem Risiko
vorübergehender Wirtschaftskrisen) oder gewohnt flottes Wachstum (mit
dem Risiko weiter instabiler Finanzinstitute) will. Mit der Gefahr,
dass sie, wenn es ungeschickt angegangen wird, das Schlechteste aus
beiden Welten bekommt, nämlich Wirtschafts- und Bankenkrisen.
Hier herauszufinden wird eine sehr langwierige und schwierige
Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl aufseiten der
regulierenden Politik wie auch der Finanzwirtschaft erfordern wird.
Eine schnelle Lösung ist nicht zu erwarten.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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