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"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Der Volksverstärker, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 8.4.2012

Wien (OTS) - Meinungsmacher mögen angewidert sein von der
antiisraelischen "Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen"-Lyrik des
deutschen Nobelpreisträgers. Die Masse ist auf der Seite von Günter
Grass.

Günter Grass verblüfft nicht nur mit seiner Ahnungslosigkeit. Fast
mehr noch nervt seine lächerliche Pose als Draufgänger, der es
endlich wagt, das Schweigen zu brechen. Der 84-Jährige tut ganz so,
als beschreite er mit seinem lyrischen Fußtritt gegen Israel als
erster Deutscher nach 1945 neues Territorium. Dabei gibt er bloß in
Gedichtform wieder, was im Wirtshaus ums Eck geschwätzt wird.
So wie Grass denken die meisten, und zwar nicht erst, seit in
Jerusalem Benjamin Netanjahu Premier ist. Schon 2003 erklärten in
einer Eurobarometer-Umfrage 53 Prozent der Europäer Israel zur
größten Bedrohung für den Frieden, knapp vor den USA. Nordkorea und
den Iran reihten sie dahinter.
Wer die Welt aus dieser Perspektive sieht, kann manches
durcheinanderbringen. Nie, außer vielleicht in der Akutabteilung der
psychiatrischen Sarah-Herzog-Anstalt, hat irgendein Israeli damit
gedroht, das "iranische Volk" in einem "Erstschlag" auszulöschen.
Grass hat sich den Unfug, unangekränkelt von Sachverstand, trotzdem
zusammengereimt. Irans Präsidenten Ahmadinejad, der angekündigt hat,
Israel, je nach Übersetzung, von der Landkarte oder aus den Annalen
der Geschichte zu tilgen, verniedlicht er hingegen als "Maulhelden".
Geht ja auch nicht anders, wenn es die "Atommacht Israel" sein soll,
die den "ohnehin brüchigen Weltfrieden" gefährdet.
Deutschlands Kommentatoren haben Grass für sein Stussgedicht
einträchtig durch Sonne und Mond geschossen. Doch wer sich im Besitz
der Wahrheit wähnt, den kratzt das nicht. Er werde nicht widerrufen,
sagte der Dichter, als hätte er todesverachtend wie ein Wiedergänger
Luthers 95 unerhörte Thesen ans Jaffator in Jerusalem genagelt - und
nicht neun semidemente Strophen.
Der alte Mann, unbestritten einer der größten Schriftsteller
Deutschlands, beklagt sich nun über eine "Kampagne"
gleichgeschalteter Medien. Dabei hat er den Protest einkalkuliert.
Warum sonst die Selbstinszenierung als Tabubrecher? "Was gesagt
werden muss", nennt Grass sein Gedicht. Das erinnert an einen anderen
Provokateur, an Thilo Sarrazin, bei dem ebenfalls der
Volkstribunen-Gestus des Das-wird-man-ja-noch-sagen-Dürfens
mitschwingt. Auch er erntet Ablehnung, wenngleich nicht dermaßen
geschlossene, bei berufsmäßigen Meinungsmachern und Zuspruch bei den
Massen. Grass öffnet eine ähnliche Kluft. In der anonymen Welt der
Poster fährt er mit seinen Ansichten locker eine
Vier-Fünftel-Mehrheit ein. Die Anstandswauwaus in den Medien würden
nur deshalb über Grass herfallen, weil er Israel attackiert habe,
heißt es da.
Letztlich wird sich genau dieser Irrtum durch die Grass-Debatte
verfestigen: dass Deutsche oder Österreicher Israel nicht kritisieren
können, ohne als Antisemiten diffamiert zu werden. Ein blanker
Unsinn: Gerade die Regierung Netanjahu steht, oft aus gutem Grund,
fast täglich international in der Kritik. Doch die Vereinfacher
fühlen sich bestätigt, wenn einer wie Grass nicht willens ist zu
differenzieren. Der Literaturnobelpreisträger als Volksverstärker -
ein Trauerspiel.

Rückfragehinweis:
Die Presse am Sonntag
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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