- 22.03.2012, 18:13:08
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Die Presse - Leitartikel: "Die offene Gesellschaft und ihre "hausgemachten Terroristen"", von Burkhard Bischof
Ausgabe vom 23.03.2012
Wien (OTS) - Auch der Fall des Serienmörders Mohammed Merah zeigt:
Die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus ist nicht
verschwunden, sie hat sich nur gewandelt.
Der Wandel des 23-jährigen Franzosen Mohammed Merah vom
Gelegenheitsdieb zum eiskalten Killer wird die Öffentlichkeit noch
einige Zeit beschäftigen. Polizeiliche Ermittler, Journalisten,
Psychologen, Politikwissenschaftler werden versuchen, hinter die
Fassade des Doppellebens des Serienmörders von Toulouse zu blicken
und Erklärungen für seine Metamorphose vom Karosseriebauer zum
Jihadisten, zum "Krieger für den wahren Islam", zu finden. Das ist
richtig und wichtig, um das Milieu zu verstehen, in dem dieser Hass
und diese Kaltblütigkeit gedeihen können, und um westliche
Gesellschaften präventiv gegen weitere solche Gewalttäter besser
schützen zu können.
Der totale Schutz aber wird niemals gelingen - außer vielleicht in
einem Staat, der selbst terroristisch ist. Und den kann niemand
wollen. Die Sicherheitsbehörden westlicher Staaten werden sich auch
weiterhin mit solchen Einzeltätern besonders schwertun, obwohl diese
überhaupt kein neues Phänomen sind; es hat sie immer gegeben.
Freilich hat sich dieses Phänomen in den vergangenen Jahren verstärkt
- nicht zuletzt auch deshalb, weil die Terrorabwehrmaßnahmen der
westlichen Staaten effizienter geworden sind und im Kampf gegen das
bedrohlichste Terrornetzwerk der vergangenen 15 Jahre, al-Qaida, doch
zahlreiche Erfolge erzielt werden konnten. Möglich wurden diese durch
den intensivierten internationalen Informationsaustausch der diversen
Nachrichtendienste und durch die verbesserte Zusammenarbeit der
Sicherheitsbehörden. Ob sich diese Verbesserungen in der Terrorabwehr
allerdings auch auf das präventive Vorgehen gegen die "einsamen
Wölfe" auswirken werden, ist zumindest fraglich.
Immerhin, auch Mohammed Merah war für die französischen
Sicherheitsbehörden kein Unbekannter. Sie wussten von seinen Reisen
ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, sie beobachteten und
verhörten ihn. Aber sie konnten dann doch nicht verhindern, dass er
plötzlich durchdrehte und zum Kinder- und Soldatenmörder wurde.
Hohe amerikanische Politiker haben nach der Ausschaltung des
Terrorchefs Osama bin Laden und weiterer führender Köpfe von al-Qaida
erklärt, "die strategische Niederlage" des Terrornetzwerks sei "in
Reichweite". Tatsächlich ist laut Experten der Kern von al-Qaida
durch US-Kommandooperationen und insbesondere durch die
Drohnenangriffe von rund 1000 im Jahr 2001 auf etwa 300 geschrumpft.
Zu großen Terroranschlägen wie am 11. September 2001 in New York und
Washington ist al-Qaida im Moment möglicherweise nicht mehr in der
Lage, auch wenn Bin-Laden-Nachfolger Aiman al-Zawahiri seinen
Führungsanspruch im Netzwerk genau mit so einem Großanschlag zu
untermauern trachtet.
Vorübergehend geschwächt scheint al-Qaida auch durch den Arabischen
Frühling, weil er eine Hauptthese der Netzwerkpropagandisten ("Alle
Anstrengungen sind zuerst gegen den gottlosen Westen und vor allem
die USA zu richten, erst dann kann der Kampf gegen die Despotien
beginnen") widerlegt hat.
Zudem haben die Gewaltexzesse von al-Qaida insbesondere im Irak,
denen fast nur moslemische Glaubensbrüder zum Opfer gefallen sind,
den Jihadisten in breiteren Bevölkerungskreisen der islamischen Welt
doch geschadet. Dennoch: Eine große Stärke des Netzwerks ist ganz
offenkundig seine Anpassungsfähigkeit. Durch Bin Ladens Tod ist
al-Qaida nicht von der Bildfläche verschwunden, er war in den letzten
Jahren wohl nur noch eine Ikone. Das Netzwerk sorgt weiter für die
Ausbildung und den Austausch von Jihadisten, es berät regionale
Ableger in Nordafrika, Somalia, Nigeria, Jemen und neuerdings auch in
Syrien strategisch und taktisch, es hilft mit Geld, Waffen und
Sprengstoff.
Vor allem aber inspiriert al-Qaida vermehrt Einzelpersonen, die in
westlichen Gesellschaften leben und im Namen eines "Heiligen Krieges"
zu abscheulichen Terroraktionen gegen Unschuldige bereit sind. Für
westliche Staaten ist die Bedrohung durch den islamistischen Terror
also nicht verschwunden, sie hat sich allenfalls gewandelt. Es sind
die "hausgemachten Terroristen", die gegenwärtig die größte Gefahr
für die offenen Gesellschaften darstellen.
Rückfragehinweis:
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