ÖÄK-Tag der Allgemeinmedizin: Aus Fehlern und Erfolgen anderer lernen (2)

Hausarztmodelle in den Nachbarländern

Wien (OTS) - Was passiert, wenn nationale Gesundheitssysteme die hausärztliche Versorgung vernachlässigen oder nach rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausrichten, schilderten Vertreter von Hausärzte-Organisationen aus Österreichs Nachbarländern beim Tag der Allgemeinmedizin am Samstag.

Italien - vom Ziel abgewichen

Zur Situation der Primärversorgung in Italien sagte der Präsident der Gesellschaft für Allgemeinmedizin Südtirol, Simon Kostner: "Die Gesundheitspolitik hat die Allgemeinmedizin viel zu lang vernachlässigt. Diese Versäumnisse müssen wir nun etwa in Südtirol unter größten Anstrengungen aufholen." Italien schaffte vor dreißig Jahren das Krankenkassensystem ab. Die gesamte Gesundheitsversorgung wurde, wie in England, verstaatlicht. Der Allgemeinmediziner ist erster Ansprechpartner und überweist die Patienten, wenn erforderlich, zum Facharzt oder ins Spital. Der Haken: Die Allgemeinmedizin spielt eher theoretisch eine zentrale Rolle. De facto hat sich die Gesundheitsversorgung in Italien immer stärker in Richtung Krankenhäuser entwickelt - entgegen den ursprünglichen Intentionen. Ergebnis: Die Spitalskosten explodieren, die Infrastruktur in den Ordinationen der staatlichen Allgemeinmediziner ist oft veraltet, ihre Aus- und Fortbildung hinkt internationalen Standards hinterher.

Schweiz - Betriebswirtschaft versus Volkswirtschaft

Die Schweizer hingegen stimmen im Juni darüber ab, ob Managed Care (MC) gesetzlich verankert werden soll. Auch MC sieht unter anderem vor, dass sich Patienten vertraglich verpflichten, im Krankheitsfall zuerst einen Allgemeinmediziner ihrer Wahl aufzusuchen. Infrage kommen aber nur Ärzte, die ihrerseits einen MC-Vertrag mit einem Versicherer haben. Die komplexen vertraglichen und finanztechnischen Herausforderungen sind meist nur im Rahmen von MC-Betriebsgesellschaften zu bewältigen. Damit untersteht aber die ärztliche Tätigkeit automatisch betriebswirtschaftlichen Vorgaben. "Aus dem ursprünglich einfachen und guten Gedanken, den Hausarzt ins Zentrum zu rücken, ist eine Eskalation von Management und Controlling entstanden. Jetzt haben wir einen tiefen Riss quer durch Patienten-und Ärzteorganisationen", sagte Bruno Kissling von der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Das Problem fehlenden Hausärzte-Nachwuchses sei damit übrigens nicht gelöst. Für Kissling könne das Schweizer Gesundheitssystem auch ohne MC von der kostensenkenden und die Versorgungsqualität verbessernden Wirkung der Hausarztmedizin profitieren. Was es brauche, sei der "erklärte politische Wille der Regierung, den Nachwuchs durch verbesserte allgemeinmedizinische Ausbildung und Forschung zu fördern, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und eine angemessene Honorierung zu gewährleisten". (ar) (Schluss)

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Infos zum Tag der Allgemeinmedizin unter www.meinarzt.aerztekammer.at

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