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"Die Presse" - Leitartikel: Der "unvermeidliche" Kandidat stolpert Richtung Nominierung, von Helmar Dumbs

Ausgabe vom 8.3.2012

Wien (OTS) - Auch wenn die Republikaner die Vorwahlen langsam
satthaben: Ein Blick auf 2008 zeigt, dass eine lange - und harte -
Kandidatensuche kein Nachteil sein muss.

Das hat den Republikanern gerade noch gefehlt: Die vom
Vorwahl-Marathon schon einigermaßen erschöpfte Partei leckte nach
einer langen Wahlnacht, die wieder keine Entscheidung gebracht hatte,
noch ihre Wunden, da meldete sich auch noch Sarah Palin zu Wort: Wenn
kein Kandidat bis zum Nominierungsparteitag im August genug
Delegiertenstimmen sammle, könne sie sich durchaus vorstellen, dort
selbst anzutreten. Das darf als gefährliche Drohung gelten: Die
Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008 mag als oberste Cheerleaderin
der Tea Party ihre Klientel noch in Begeisterungstaumel versetzen.
Doch eine Kandidatin Palin wäre ein Freifahrtschein für eine zweite
Amtszeit des Demokraten Barack Obama, das weiß man im Lager des
Elefanten (des Wappentieres der Republikaner) nur zu gut.
Der ungebetene Zwischenruf aus Alaska ist hingegen symptomatisch für
die Gefühlslage in der "Grand Old Party", die das heuer spektakulär
teure Vorgeplänkel zur Präsidentenwahl im November schon ziemlich
satthat. Ex-First-Lady Barbara Bush sprach mit ihrer Wortmeldung von
der "schlimmsten Kampagne, die ich in meinem Leben gesehen habe" wohl
vielen aus der Seele.
Mitt Romney, noch am ehesten der Wunschkandidat des
Partei-Establishments, hat es wieder nicht geschafft: Mit einem
überzeugenden Durchmarsch am "Super Tuesday" hätte der Multimillionär
den Beweis antreten können, dass er zumindest in der eigenen Partei
über genügend Rückhalt verfügt. Ein Sieg in sechs von zehn
Bundesstaaten ist zwar durchaus respektabel, doch gerade im
Schlachtfeldstaat Ohio, auf den sich alle Augen richteten, war für
die Bezifferung seines Vorsprungs auf Rick Santorum eine Lupe nötig.
Glanzvoll ist das nicht. Romney gilt nach wie vor als der
"unvermeidliche" Kandidat. Aber das hat man über Hillary Clinton 2008
auch gesagt.
Ein Blick auf die letzte Wahl ist überhaupt lohnend: Viel wird
derzeit diskutiert über den angeblichen Schaden, den der lange
Vorwahlkampf der Partei zufügt, über die Munition, die man
Amtsinhaber Obama und seinen versierten Kampagnenstrategen frei Haus
liefert. Obama brauchte 2008 aber bis Anfang Juni, ehe er seine
Delegiertenstimmen in trockenen Tüchern hatte - und er setzte sich
bei der Wahl im Herbst dennoch durch. Und jener Vorwahlkampf war mit
härtesten Bandagen geführt worden, Rassenthematik inklusive.
Verglichen mit dem "Iron Man", den das damalige Rennen dargestellt
hat, nimmt sich die republikanische Vorwahl derzeit noch wie eine
bessere Schnitzeljagd aus.

Zuletzt war es vor allem eine Schönheitskonkurrenz nach dem Motto
"Wer ist der Reaktionärste im Land?", bei der Rick Santorum als eine
Art Großinquisitor den "rechten Glauben" seiner Mitbewerber infrage
stellte. Mitt Romney bewies schauspielerisches Talent, als er das
Attribut des Konservativsten sich selbst zuwies, ohne lachen zu
müssen. Wer immer betonen muss, er sei ein "schwer" Konservativer
(was unfreiwillig komisch klingt, denn "severe" wird meist im
Zusammenhang mit Krankheiten verwendet), wirkt nicht gerade rasend
glaubwürdig.
Und wer bei diesem Thema einem Rick Santorum hinterherhechelt, hat
schon verloren. Erstens, weil der Ex-Senator, der John F. Kennedys
Plädoyer für eine Trennung von Kirche und Staat wörtlich "zum Kotzen"
findet, und Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, strafrechtlich
verfolgen lassen will, immer authentischer wirken wird. Und zweitens,
weil Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Wer sich in der Vorwahl wie
Romney zu sehr an den Rand ziehen lässt, für den wird der Rückweg
beschwerlich.
Abgesehen davon, dass die derzeitige Themensetzung etwas abseitig
wirkt. Man sollte doch annehmen, dass die Amerikaner vor allem wissen
wollen, wie die Kandidaten die Wirtschaft wieder ankurbeln und die
zwar sinkende, aber nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit bekämpfen
wollen. Meinungsforscher und Politstrategen aus dem demokratischen
wie republikanischen Lager sind sich überraschend einig: Wenn der
Aufschwung anhält und die Menschen spüren, dass es aufwärts geht,
darf Obama mit der Wiederwahl rechnen. Wenn nicht, hat auch ein Mitt
Romney trotz aller Schwächen eine Chance.

Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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