• 06.03.2012, 20:41:25
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Frauentag: Expertinnen diskutieren im Parlament über "FRAUenMUSIK" Gläserne Decke ist im Musikbetrieb besonders dick

Wien (PK) - Mehr als 50 Prozent der AbsolventInnen der
österreichischen Musikhochschulen sind heute weiblich. Dennoch sind
Komponistinnen, Dirigentinnen und Interpretinnen in der
Öffentlichkeit nach wie vor weniger präsent als ihre männlichen
Kollegen. Institutionen im Musikbereich werden immer noch
mehrheitlich von Männern geleitet. Die "Gehaltsschere" ist auch in
der Musikbranche weit geöffnet. Weshalb das so ist und warum auch die
Musikgeschichte vorwiegend von Männern dominiert wird, darüber
debattierten heute Expertinnen im Parlament. Anlass für die
Podiumsdiskussion, zu der Nationalratspräsidentin Barbara Prammer
eingeladen hatte, war der bevorstehende Internationale Frauentag.

Prammer betonte in ihrer Begrüßungsrede, sie bemühe sich sehr, Themen
ins Parlament zu holen, die über die Tagespolitik hinausgingen. Schon
als Frauenministerin habe sie sich für die Situation von Frauen im
Kunstbetrieb interessiert und aufgrund des Ergebnisses einer Studie,
die große Geschlechterunterschiede aufgezeigt habe, einen eigenen,
hoch dotierten, Frauenkunstpreis ausgeschrieben, skizzierte sie. Was
den Musikbetrieb betrifft, ist für Prammer angesichts der Fakten
klar, dass auch hier die "gläserne Decke" existiert.

Generell bekräftigte Prammer ihr klares Bekenntnis zu Frauenquoten
und wies in diesem Zusammenhang auch auf eine vor kurzem
veröffentlichte Studie über Wahlgänge in 59 Ländern im vergangenen
Jahr hin. Demnach lag der Anteil der gewählten Frauen in jenen 17
Ländern, die eine gesetzliche Frauenquote haben, mit durchschnittlich
27,4 % deutlich höher als in den übrigen Ländern (15,7 %).

Bei der Podiumsdiskussion waren sich die Diskutantinnen dann einig,
dass, was die Gleichstellung von Frauen im Musikbetrieb betrifft,
vieles im Argen liegt. So verwies etwa Gabriele Proy, Komponistin und
Präsidentin des Europäischen Forums Klanglandschaft, darauf, dass es
für sie wichtig gewesen sei, ihre Karriere im Ausland aufbauen zu
können, wo es viel bessere Rahmenbedingungen für Komponistinnen gebe
als in Österreich. Sie sitze nun seit vielen Jahren in diversen
Gremien und wisse aus Erfahrung, dass Partituren von Frauen anders
bewertet würden als jene von Männern, unterstrich sie. Während es
etwa in der Bildenden Kunst schon viel mehr Geschlechtersensibilität
gebe, hinke der Musikbereich hinterher. Eine wichtige Rolle bei der
Förderung von Komponistinnen spielt nach Meinung Proys die Vernetzung
und Solidarisierung der Frauen.

Susanne Kirchmayr, Komponistin, DJ und Gründerin des Netzwerkes
female:pressure, schilderte, ihr sei erst durch die Reaktionen des
Publikums und von Kollegen bewusst geworden, dass weibliche und
männliche DJs anders bewertet würden. Zum einen habe es Bewunderung,
zum anderen versteckte Beleidigungen gegeben. Erst diese Kommentare
hätten sie dazu gebracht, sich mit dem Genderthema
auseinanderzusetzen. Als wichtig erachtet es Kirchmayr Frauen
sichtbar zu machen, dazu dient auch das internationale Netzwerk
female:pressure. Man müsse viel Energie und Zeit investieren, um
Respekt zu erlangen, betonte sie.

Ein großes Problem ist für Kirchmayr, dass selten Stücke von
Komponistinnen gespielt werden. Hohe Qualität könne aber nur dann
entstehen, wenn man Feedback bekomme und im Austausch mit dem
Publikum stehe, machte sie geltend. Frauen müssten sich überdies mehr
zutrauen.

Nach Ansicht von Andrea Ellmeier, Koordinatorin für Frauenförderung
und Gender Studies an der Universität für Musik und darstellende
Kunst, hängt der historische Ausschluss der Frauen aus der Musik mit
dem seinerzeitigen allgemeinen Ausschluss der Frauen aus der
Öffentlichkeit zusammen. Sie selbst wertet "Role-Models" als ganz
besonders wichtig, wobei sie vor allem bei Komponistinnen und
Dirigentinnen eine äußerst zähe Entwicklung beobachtet. Aber auch in
Orchestern, einer der wenigen Orte, wo man als MusikerIn mit einem
sicheren Einkommen rechnen könne, hätten es Frauen im
deutschsprachigen Raum viel schwerer als Männer, einen Platz zu
bekommen. Ellmeier ist in diesem Zusammenhang überzeugt, dass sich
die Wiener Philharmoniker nur deshalb für Frauen geöffnet haben, weil
die amerikanische Frauenbewegung gedroht habe, andernfalls deren
Konzerte zu boykottieren, und damit negative ökonomische Konsequenzen
drohten.

Sabine Reiter, Direktorin des "music informationen center austria",
machte darauf aufmerksam, dass in der Datenbank des mica 138
Komponistinnen und 708 Komponisten verzeichnet seien. Sie selbst sei
lange nicht für das Genderthema sensibilisiert gewesen, da sie
persönlich im Management keine Diskriminierung erlebt habe, sagte
sie, mittlerweile sehe sie aber, dass es Handlungsbedarf gebe. Die im
Jahr 2008 vorgestellte Studie zur sozialen Lage von KünstlerInnen hat
Reiter zufolge nicht nur deutlich gemacht, dass KünstlerInnen häufig
in prekären Verhältnissen lebten, sondern auch eine
Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen von 30 % aufgezeigt,
und das trotz einer enorm hohen Akademikerinnenquote von 60 %. Ebenso
habe sich gezeigt, dass Frauen in der Musik deutlich
unterrepräsentiert seien und so gut wie keine Komponistinnen und
Dirigentinnen an den Universitäten eine Professorenstelle oder
Lehraufträge hätten.

Musikjournalistin Irene Suchy kritisierte die mangelnde Wertschätzung
von Frauen im Musikbetrieb. Mehr oder weniger alle
Ausbildungsdisziplinen machten sich Gedanken über
Gendergerechtigkeit, klagte sie, nur die Musik nicht. Auch bei der
Besetzung von Positionen wie jene des Staatsoperndirektors spiele das
Genderthema keine Rolle. Es sei wirklich an der Zeit, Maßnahmen zu
setzen, appellierte Suchy, in den vergangenen Jahren habe es nur
marginale Verbesserungen gegeben. Nach wie vor gebe es, im
Unterschied zu anderen Ländern, etwa kein Frauenmusikzentrum in
Österreich. Es sei aber auch wichtig, dass sich Frauen nicht alles
gefallen lassen, bekräftigte sie.

Elisabeth Welzig, Journalistin und Autorin, wies darauf hin, dass sie
für ihr jüngstes Buch 30 Frauen in männerdominierten Berufen
interviewt habe, darunter Managerinnen, eine Lokführerin und eine
Pilotin. Jene Frau, die am meisten über Diskriminierung geklagt habe,
sei allerdings die Komponistin Olga Neuwirth gewesen, die
mittlerweile in New York lebe. Sie hat, wie Zitate aus dem Buch
zeigen, unter anderem plastisch von der Arroganz von Musikmanagern
erzählt. Generell äußerte Welzig den Befund, dass es zu wenig
kämpferische Frauen in Österreich gebe: man solle zum Sprung durch
die gläserne Decke ansetzen, auch wenn dieser mit Schmerzen verbunden
sei.

Aus dem Publikum kam der Vorschlag, die Förderung von Musikfestivals
an Frauenquoten zu knüpfen. Nationalratspräsidentin Prammer will, wie
sie resümierend festhielt, künftig darauf achten, dass bei der
musikalischen Umrahmung von Veranstaltungen im Parlament auch Stücke
von Frauen gespielt werden.

Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Elisabeth Horvath. Für die
Musik sorgten Saxophonstudentinnen der Universität für Musik und
Darstellende Kunst mit ihrem Quartett "Sax4Femme". (Schluss)

HINWEIS: Fotos von der Podiumsdiskussion finden Sie - etwas
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments (www.parlament.gv.at)
im Fotoalbum.

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: [email protected], Internet: http://www.parlament.gv.at

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