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"Die Presse"-Leitartikel: Daumenhalten für das "Griechenland der Lüfte", von Franz Schellhorn

Ausgabe vom 1.3.2012

Wien (OTS) - Die Kosten des fliegenden Personals der AUA steigen
jährlich automatisch um knapp sieben Prozent. Die Ticketpreise nicht.
So etwas nennt man ein Dilemma.

Als die Austrian Airlines am 31. März des Jahres 2008 ihren 50.
Geburtstag feierten, war die Welt in bester Ordnung. Die
wirtschaftliche Lage der staatlichen Fluglinie war zwar schon damals
ziemlich miserabel, aber davon ließen sich die Festgäste nicht die
Laune verderben. Zu Recht, schließlich hatte die AUA-Führung ja kurz
vor dem runden Geburtstag erklärt, dass das Unternehmen zwar noch
jede Menge Schulden habe, nun aber endlich saniert sei.
Die Festredner zeigten sich denn auch in Bestform und jubelten die
AUA zum "Botschafter Österreichs in der ganzen Welt" hoch und machten
sie zur "Visitenkarte" des Landes. Der damalige Bundeskanzler Alfred
Gusenbauer ließ es sich nicht nehmen, in einer Grußbotschaft die
internationale Bedeutung des Staatsbetriebs zu unterstreichen: "Wenn
Manager wissen wollen, in welchen Ländern künftig die Post abgeht,
studieren sie die Flugpläne der AUA."
Nun ja, geflogen sind die Manager dann wohl doch mit jemand anderem.
Denn keine zwei Monate später waren die Austrian Airlines
wirtschaftlich am Ende, sie brauchten dringend einen finanzstarken
Partner. Auch wenn das die Eigentümervertreter nicht glauben konnten.
Die SPÖ grummelte etwas von der "Verscherbelung heimischen
Familiensilbers"; der damalige Verkehrsminister Werner Faymann meinte
trotzig: "Die AUA muss österreichisch bleiben." Finanzminister
Wilhelm Molterer (ÖVP) wiederum beschwor die Unabhängigkeit einer
Fluglinie, die schon längst nach der Pfeife ihrer Geldgeber zu tanzen
hatte. Was angesehene Manager heimischer Privatunternehmen nicht
daran hinderte, vom Staat (!) die Sicherung der "rot-weiß-roten"
Heckflosse einzufordern, weil sie um bequeme Direktverbindungen ins
osteuropäische Ausland fürchteten.
Heute darf man sich freilich fragen, welcher Teufel die
Lufthansa-Führung geritten haben mag, sich dieses "Juwel" aus dem
österreichischen Familienschatz umhängen zu lassen. Der deutschen
Fluglinie wurde mit den Austrian Airlines nämlich ein
Luftfahrtunternehmen angedreht, das selbst in wirtschaftlich
hervorragenden Zeiten nicht überlebensfähig war und auch heute noch
nicht ist.
Im Gegenteil: Die AUA ist so etwas wie das fliegende Griechenland.
Ein Unternehmen, das mit einem Kollektivvertrag durch die
Weltgeschichte kurvt, der in den 50ern des vergangenen Jahrhunderts
ausgehandelt wurde. Mit vergleichsweise eigenartigen Bedingungen:
Werden Piloten gekündigt, müssen zuerst die Jüngeren (günstigen) ran.
Kommen ältere Kapitäne an die Reihe, stehen diesen 39 Monatsgehälter
Abfertigung zu. Werden Flugpläne geändert, ist vorher die Zustimmung
der Belegschaft einzuholen, weshalb die AUA auch nicht die Passagiere
der insolventen ungarischen Malev übernehmen konnte. Das hat die
flexible Ryanair für sie erledigt.
Fliegen Kapitäne bei der Konkurrenz 900 Stunden im Jahr, sind es bei
der AUA 730 Stunden. Dafür zahlen die Österreicher mit bis zu 15.000
Euro brutto im Monat (Maximalgehalt) vergleichsweise gut. Im Schnitt
verdient ein Pilot bei der AUA 10.200 Euro brutto, bei der Schwester
Tyrolean sind es 7000 Euro.

Der Belegschaft wird die Inflation automatisch abgegolten, das
fliegende Personal kommt in den Genuss von jährlichen
Gehaltsvorrückungen, die Kollegen auf dem Boden müssen ein Jahr
länger warten. Für Piloten mit Altverträgen gibt es bis zu 42 Tage
Urlaub und maximal 39 Monatsgehälter Abfertigung. Noch vor jeder
KV-Verhandlung mit den Gewerkschaften erhöhen sich die Personalkosten
der AUA aufgrund vieler Automatismen um fast sieben Prozent. Womit
sich jede Kostensenkung ad absurdum führt. So hat die AUA-Führung vor
drei Jahren den Mitarbeiterstand um ein Fünftel gekürzt - um heuer
wieder bei denselben Personalkosten anzukommen wie vor der
Kündigungswelle.
Um zu glauben, dass sich das alles bei halbierten Ticketpreisen und
steigenden Kerosinpreisen ausgehen kann, muss man der Illusion
verfallen sein, dass die Gehälter der AUA-Belegschaft schon
irgendjemand bezahlt. Wenn schon nicht die Kundschaft, dann eben die
Mutter Lufthansa. Da bleibt nur zu hoffen, dass das AUA-Bordpersonal
noch rechtzeitig aufwacht. Sonst wird das Unternehmen seinen 54.
Geburtstag nicht erleben - und das wäre schade.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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