• 27.02.2012, 18:16:59
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Die Presse - Leitartikel: "Ein Skandalgenerator namens Telekom Austria", von Hanna Kordik

Ausgabe vom 28.02.2012

Wien (OTS) - Journalisten haben natürlich und berufsbedingt Freude
an der Eskalation. Aber fördert wirklich jedes E-Mail, jede
Wortspende einen neuen Skandal zutage?

Der laufende Korruptionsuntersuchungsausschuss ist nichts für
strapazierte Nerven. Wir halten noch beim ersten Akt, Kapitel Telekom
Austria. Und erleben das blanke Gruseln: Ein teilstaatlicher Konzern
als Bankomat für Politiker - wobei das auch noch ein Euphemismus ist.
Ein Bankomat, der ohne Limit Geld ausspuckt, den gibt es natürlich
nicht. Jedenfalls nicht für Otto Normalverbraucher.
Es war absehbar: Die tagtäglich auftauchenden Unappetitlichkeiten
verursachen Zorn, Empörung, Abscheu. Kein Tag ohne Skandal - zuletzt
waren es die dem Ausschuss übermittelten geschwärzten Unterlagen.
Aber muss das gesamte Land deswegen gleich in kollektive
Hyperventilation verfallen?
Wir empfehlen: Ruhe bewahren, innehalten und tief durchatmen.
Auf die Gefahr hin, sich bei der Kollegenschaft unbeliebt zu machen:
Der Rat geht in erster Linie an die Journalisten. Von Politikern, die
sich bekanntlich ganz gern der Polemik hingeben, ist diesbezüglich ja
eher weniger zu erwarten. Die schreibende Zunft müsste das aber
eigentlich hinkriegen.
Schon klar: Investigative Journalisten stehen unter einem enormen
Erfolgsdruck. Wobei schon auch die Frage gestattet sein muss: Ist es
wirklich investigativ, geheime Unterlagen von jemandem zu übernehmen,
der politische Interessen verfolgt? Aber das nur am Rande. Tatsache
ist: Ein "Scoop" - wie in den USA Exklusivgeschichten genannt werden
- ist eben ein "Scoop". Und eine brisante Schlagzeile ist Gold wert.
Vor allem, wenn sie von anderen Medien zitiert wird. Das ist gut für
das Image der Zeitung, das steigert den Marktwert des
"investigativen" Journalisten.
So läuft eben das Medienbusiness.

Doch Obacht: Rasch wird dann aus einer unbedachten Wortspende, aus
einem "diskreten E-Mail", aus einem "geheimen Vernehmungsprotokoll"
ein "Scoop". Wird aus dem "Scoop" eine Schlagzeile. Wird aus der
Schlagzeile ein Skandal.
Am Beispiel des Markus Beyrer: Der ÖIAG-Chef ist mit dem
Telekom-Skandal offenbar schwer überfordert. Womöglich ist er auch
nicht der richtige Mann für den Job. Aber muss deswegen zwangsweise
jede Verbindung zwischen ihm und der Telekom ein Skandal sein? Eine
Illustrierte sieht das so: Aus einem E-Mail, das dem Magazin
zugespielt wurde, geht hervor, dass Beyrer seinerzeit als
Generalsekretär der Industriellenvereinigung Protest-Mails der
Telekom-Belegschaft an den Telekom-Vorstand weitergeleitet hat. Das
Magazin zieht den Schluss: Beyrer sei "Informant" des
Telekom-Vorstands gewesen. Ein böser Spitzel also.
Gegenfrage: Wie hätte der Generalsekretär der Interessenvertretung
denn sonst mit einem seiner wichtigsten Mitglieder umgehen sollen?
War das nicht seine Aufgabe - nämlich auf die Interessen der Telekom
Bedacht zu nehmen?

Am Beispiel des Peter Hochegger: Der Lobbyist plauderte vor wenigen
Tagen als prominenter Gast im Untersuchungsausschuss locker über all
jene, die einst auf seiner "Payroll" standen. Ein Raunen ging durchs
Land. "Hochegger legt sein Netzwerk offen", titelte auch diese
Zeitung. Es war zwar ein höchst kurioses Sammelsurium aus Namen
einstiger Regierungsmitglieder, Politiker aller Couleurs - und
einfacher Angestellter seiner Agentur. Macht aber nichts, sagt der
Mainstream: Wird schon ein Skandal sein, irgendwie.
Das Motto lautet neuerdings: Es gilt die Unschuldsvermutung - auch
für Journalisten. Schade, eigentlich. Viele von ihnen haben einen
immensen Beitrag dazu geleistet, dass die jetzigen Korruptionsfälle
überhaupt ans Licht gekommen und Thema des Untersuchungsausschusses
geworden sind. Warum lässt man ihn jetzt nicht einfach in Ruhe
arbeiten? Ist doch eh schlimm genug, was dort zutage gefördert wird.
Mit effekthaschenden Rundumschlägen, mit Pauschalskandalisierung, mit
merkwürdigen "Aufdeckungen" laufen die an sich verdienstvollen
Redakteure Gefahr, sich zu überdribbeln - und generell nicht mehr
ernst genommen zu werden.
Das haben sie nicht notwendig. Das schadet der Aufarbeitung der
wahren Skandale. Und das hat sich das Land nicht verdient.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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