Armutskonferenz stellt Studie "Junge Menschen ohne (Berufs-)Ausbildung" von Prof. Bacher online

In der Studie geht es nicht um Sebastian Kurz' Vorschlag sondern um Schulreform, gemeinsame Schule, Arbeitsmarktpolitik, Hauptschulabschluss, offene Jugendarbeit.

Wien (OTS) - Die Armutskonferenz stellt Studie "Junge Menschen
ohne (Berufs-)Ausbildung" von Prof. Bacher online. In den Schlussfolgerungen der Studie geht es nicht um Sebastian Kurz` Vorschlag, sondern vielmehr um Schulreform, gemeinsame Schule, Arbeitsmarktpolitik, Hauptschulabschluss, offene Jugendarbeit. Die Armutskonferenz empfiehlt einen sachlichen Zugang mit Beachtung der vielen Dimensionen des Problems, keine kalkulierten populistischen Vereinfachungen.

Die Schlussfolgerungen der Studie im Original:

An erster Stelle gilt es, präventiv die Bildungsbarrieren im Schulsystem selbst abzubauen. Für Chancengleichheit muss es gelingen, die notwendige Gleichheit zwischen den sozialen Gruppen herzustellen. Ganztagsschulen können hierfür einen wesentlichen Beitrag leisten, sofern die dadurch gewonnenen zeitlichen Ressourcen für eine individuelle Förderung genutzt werden. Dazu kann auch mehr schulische Autonomie beitragen, vorausgesetzt, dass Schulen mit schwierigeren Ausgangsbedingungen auch mehr Geld erhalten (vgl. Bacher/Altrichter/Nagy 2010). Schulische Atuonomie ermöglicht eine Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten und erhöht das Leistungsniveau (vgl. Bacher/Leitgöb 2009), von dem auch leistungsschwächere SchülerInnen profi tieren. Curricular empfiehlt sich, mehr Gewicht auf die Basiskompetenzen in Mathematik und Sprachen zu legen, um den auch aus PISA bekannten Anteil an RisikoschülerInnen zu senken. Durch die hier nur skizzenhaft angeführten Maßnahmen werden die sogenannten primären Ungleichheiten abgebaut, die dadurch entstehen, dass die Schulleistungen von der sozialen Herkunft und nicht den Fähigkeiten und Begabungen.

Zum Abbau des darüber hinaus bestehenden sekundären Ungleichheitseffekts wäre die Einführung einer Gesamtschule zielführend (vgl. Bacher 2007). Neben diesen allgemeinen präventiven Maßnahmen, die sich auf alle Schüler/Innen beziehen, sind spezielle individuelle Fördermaßnahmen zur Verbesserung der sprachlichen Kompetenzen und der Schulleistungen für MigrantInnen und dabei insbesondere für jene der 1. Generation dringend geboten. Ohne mehr finanzielle Mittel wird dies nicht gehen und schulische Angebote reichen hierfür vermutlich nicht aus.

Aktive Arbeitsmarktpolitik kann die Arbeitsmarktsituation von benachteiligten Gruppen verbessern. Wie in dem vorliegenden Beitrag gezeigt wurde, wird allerdings ein erheblicher Teil der Jugendlichen mit den bestehenden Instrumentarien der aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht erreicht. Notwendig sind daher spezielle Interventionen, die besser auf die Bedürfnisse und Kompetenzen der benachteiligten Jugendlichen abgestimmt sind. Als zielführend haben sich für diesen Zweck Case-Management-Systeme herausgestellt.8 Hier sollte auch verstärkt auf die besondere Situation von MigrantInnen, insbesondere auf jene der 1. Generation und auf jene von jungen migrantischen Frauen, eingegangen werden. Als Maßnahmenlücke stellte sich in Oberösterreich das fehlende Angebot von speziell auf
Jugendliche ausgerichteten Kursen zum Nachholen des Hauptschulabschlusses heraus (vgl. Gottwald /Lassnigg /Vogtenhuber, 2010, S. 30). Die Evaluierung der Jugendbeschäftigungsmaßnahmen in Oberösterreich zeigte weiters, dass die aktive Arbeitsmarktpolitik frühzeitiger beginnen und das gesamte Umfeld von Jugendlichen (Schule, Familie, soziale Beziehungen, Freizeit, Arbeitsmarkt usw.) miteinbeziehen muss (vgl. ebenda, S. 86). Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, mit diesen Maßnahmen die über 20-Jährigen zu erreichen, da die 20- bis 24-Jährigen ein höheres Desintegrationsrisiko haben. Fördermaßnahmen und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen dürfen nicht mit der Volljährigkeit aufhören. Um Unterstützungsangebote adäquat zu gestalten, braucht es eine verstärkte Koordinierung und Vernetzung aller beteiligen AkteurInnen. Institutionsübergreifende Interventionen und Lösungen am Arbeitsmarkt können insbesondere durch regionale (Jugend-) Netzwerke, die die Jugendlichen als "PartnerInnen" miteinbeziehen, 110 WISO 34. Jg. (2011), Nr. 4 entstehen (vgl. Klingelmair /Bödenhofer 2009, S. 155f.).9 "Anstelle eines Denkens in Zuständigkeiten soll ein Denken und Handeln in Verantwortlichkeiten treten" (Heinrich-Böll-Stiftung 2008, S. 11).

Die Studie wurde publiziert:
Bacher, Johann/Tamesberger, Dennis, 2011: Junge Menschen ohne (Berufs-)Ausbildung. Ausmaß und Problemskizze anhand unterschiedlicher Sozialindikatoren. WISO, 2011 (4), 95-112

Download:
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Rückfragen & Kontakt:

Die Armutskonferenz. 01 7 402 69 44 oder
Martin Schenk 0664/ 544 55 54

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