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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Die Sehnsucht nach dem Anti-Politiker", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 19.02.2012
Wien (OTS) - In Deutschland wird bei der Suche nach einem neuen
Präsidenten wieder der Ruf nach Joachim Gauck laut. Aus gutem Grund.
Der Ex-Bürgerrechtler ist kein Parteisoldat, sondern eine
Persönlichkeit.
Bei der Wahl von Bundespräsidenten hat die deutsche Bundeskanzlerin
Angela Merkel ein eher unglückliches Händchen. Der eine, Horst
Köhler, warf den Bettel im Schloss Bellevue hin, weil er in seiner
divenhaften Dünnhäutigkeit keine Kritik ertrug. Der andere, Christian
Wulff, hatte ausgeprägtere Nehmerqualitäten und wäre sicher noch gern
ein Weilchen länger als 598 Tage Staatsoberhaupt geblieben, wurde
dann aber doch aus dem Amt getragen. Letztlich war auch für den
früheren Schwarm der Schwiegermütter Niedersachsens einsichtig, dass
ein Präsident, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Vorteilnahme
ermittelt, nicht dem Ideal einer moralischen Instanz entspricht.
Jetzt also hat Merkel wieder eine Chance, einen Bewerber ins Rennen
zu schicken. Ein drittes Mal sollte sie nicht danebengreifen. Sonst
kommt noch jemand auf die Idee, ihr Urteilsvermögen könnte getrübt
sein. Schon kurz nach Wulffs Abschiedspressekonferenz umriss sie die
wichtigste Kontur des Postenprofils: Ein Konsenskandidat soll es
sein.
Nun, da müsste Merkel nicht lange suchen. Es hätte schon bei der
letzten Präsidentenwahl einen solchen Mann gegeben. Nein, nicht
Wulff. Das einzig elementar Parteienübergreifende, das der
CDU-Berufspolitiker hervorgebracht hat, war der entnervte Widerwille,
den er zuletzt über alle Fraktionsgrenzen hinweg auslöste. Hätte das
Volk und nicht die Bundesversammlung den letzten Präsidenten gewählt,
säße heute Wulffs Gegenkandidat Joachim Gauck im Schloss Bellevue.
Der Ex-Bürgerrechtler aus der DDR imponiert, weil er ein Leben und
nicht bloß einen Lebenslauf hat, wie ein deutscher Schriftsteller vor
zwei Jahren anmerkte. Jetzt wird wieder der Ruf nach ihm laut.
Grüne und SPD hatten den Ex-Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde gegen
Wulff aufgeboten. Taktisch klug. Denn Gauck ist ein Bürgerlicher, ein
mutiger, rhetorisch brillanter Verfechter der Freiheit. Etliche
Christdemokraten stimmten damals für ihn.
Bisher hat Merkel bei Postenbesetzungen stets in Kategorien der
Parteiräson agiert. Sie hätte SPD-Fraktionschef Frank-Walter
Steinmeier zum EU-Außenminister machen können oder das grüne
Alphatier Joschka Fischer zum UN-Sonderbeauftragten für den Nahen
Osten. Doch die Kanzlerin fürchtete den Bumerang-Effekt, ein
innenpolitisches Comeback ihrer Gegner. Und sie vergaß nie auf die
CDU-Interessen.
Ihre Umfragewerte müssten Merkel nun zu genug Stärke verhelfen, um
eine Verbeugung vor dem Willen des Volkes zu wagen und Gauck auf den
Schild zu heben. Auch wenn sie damit auf einen Kandidaten der
Opposition zurückgreift und indirekt eingesteht, beim letzten Mal
falsch entschieden zu haben. Gauck wäre nicht nur als moralischer
Oberpastor der Nation nahezu unumstritten. Der 72-Jährige passte auch
aus einem anderen Grund in die Zeit. Mit ihm wäre ein beeindruckender
Bürger an der Spitze des Staates, kein intellektuell kurzatmiger,
phrasendreschender Parteisoldat. Und das entspräche einer
weitverbreiteten Sehnsucht, nicht nur in Deutschland.
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