Die Presse - Leitartikel: "Rating: Nebelwerfen ist kein sinnvolles Sanierungskonzept", von Josef Urschitz

Ausgabe vom 15.02.2012

Wien (OTS) - Der Verlust des österreichischen Triple A ist marktkonform, und Osteuropa hat für die heimischen Banken natürlich Drohpotenzial. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Stell dir vor, es wird "geratet", und keiner sieht hin. Der alte Kalauer kommt einem in den Sinn, wenn man sich die Reaktion der Finanzmärkte auf die gestrige Abstufung und Ausblicksverschlechterung für mehrere EU-Länder (einschließlich Österreichs) ansieht: Es gab keine. Die Veränderung der Börse-, Anleihe- und Währungskurse blieb innerhalb des "Grundrauschens" der Märkte, erst schlechte US-Daten am Nachmittag brachten die Aktiennotierungen ins Schwimmen.
Damit zeigt sich jetzt zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, dass das Gerede von der "Macht" der Ratingagenturen stark übertrieben ist. Es ist an dieser Stelle ja schon einmal festgestellt worden:
Normalerweise geben nicht die Ratingagenturen die Richtung der Märkte vor, sondern umgekehrt. Die Bewerter vollziehen nach, was auf den Märkten längst Realität ist. Mit einer einzigen Ausnahme: Wenn es an den Börsen gerade crasht, dann verschärft natürlich jede weitere schlechte Nachricht überproportional den Abwärtstrend.
Die Erklärung dafür ist einfach: Natürlich machen Großanleger, die mehrstellige Millionenbeträge in Staatsanleihen investieren ihre eigene Bewertung der Schuldnerbonität. Was die Ratingagenturen im Nachhinein noch liefern, ist das Absicherungsfeigenblatt. Damit kommen wir zum Punkt: Die Verschlechterung des "Ausblicks" für Österreich durch die Ratingagentur Moody's war nicht "unfair" oder gar "unverständlich", wie man gestern allenthalben hörte. Sondern sehr milde und freundlich. Denn im wirklichen Leben, dort, wo Ratings unter Einsatz von Geld vorgenommen werden, hat Österreich sein Triple A schon vor Monaten verloren.
Um das zu verifizieren, muss man nur die Liste der Sekundärmarktrenditen für zehnjährige Staatsanleihen zur Hand nehmen. Die Höhe dieser Renditen sagt aus, wie die Großinvestoren die Bonität der einzelnen Länder einschätzen. Da gibt es eine Gruppe, die weniger als 2,5 Prozent Zinsen "peckt": Dazu gehören Deutschland, Großbritannien, die skandinavischen Länder und natürlich die Schweiz. Interessanterweise haben diese bei der strengeren Ratingagentur S&P alle ein Triple A. Dann gibt es eine zweite Gruppe mit Anleiherenditen von 2,5 bis 5 Prozent. Da finden sich Österreich, Frankreich, und Belgien. Sie verfügen bei S&P über ein marktkonformes "Double A".
Dass die Staatsanleihezinsen in Europa (sogar jene für Griechenland) in jüngster Zeit generell ein wenig gesunken sind, bedeutet noch keine Bonitätsverbesserung. Es heißt nur, dass die Milliardenliquiditätsspritzen der EZB für das Bankensystem Wirkung zeigen. Deshalb haben sich auch die Anleiherenditen aller Euroländer mehr oder weniger parallel auf die Benchmark - das ist der deutsche Anleihezins - zubewegt.

Es würde Österreich also gut anstehen, nicht darüber zu meckern, dass man nur noch die - immer noch sehr gute - zweitbeste Bonitätsnote hat. Sondern echte Maßnahmen zu setzen, um wieder in die erste Liga zu kommen. Dazu reicht das gerade beschlossene (und im jüngsten Moody's-Rating selbstverständlich schon eingerechnete) Spar- und Belastungspaket leider nicht aus.
So viel Ehrlichkeit, das einzugestehen, müsste am Anfang eines echten Sanierungskurses schon stehen. Leider überwiegt aber noch das Nebelwerfen. Schön sichtbar beim - von den Ratingagenturen bemängelten - Thema Osteuropa: Wahrscheinlich differenzieren die Agenturen da wirklich zu wenig, und die heimischen Banken kommen dort mit einem blauen Auge davon. Aber die immer wieder öffentlich aufgestellte Behauptung, dort könne nichts passieren, weil die vergebenen Kredite durch lokale Spareinlagen gedeckt werden, ist eine abenteuerliche Missinformation: Das ist zwar fein für die Refinanzierung der lokalen Bankentöchter - heißt im Falle großflächiger Kreditausfälle aber gar nichts. Denn natürlich haften nicht die Sparer für die Kredite der Bank. Sondern die Bank haftet für die Einlagen der Sparer.
Im Ernstfall würde ein - derzeit eher unwahrscheinlicher -Osteuropa-Crash also natürlich an den bankenrettenden österreichischen Steuerzahlern hängen bleiben. Die Ratingagenturen sehen das. Und man sollte sie für diese leider wahre Aussage nicht prügeln.

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