• 14.02.2012, 18:11:51
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Die Presse - Leitartikel: "Rating: Nebelwerfen ist kein sinnvolles Sanierungskonzept", von Josef Urschitz

Ausgabe vom 15.02.2012

Wien (OTS) - Der Verlust des österreichischen Triple A ist
marktkonform, und Osteuropa hat für die heimischen Banken natürlich
Drohpotenzial. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Stell dir vor, es wird "geratet", und keiner sieht hin. Der alte
Kalauer kommt einem in den Sinn, wenn man sich die Reaktion der
Finanzmärkte auf die gestrige Abstufung und Ausblicksverschlechterung
für mehrere EU-Länder (einschließlich Österreichs) ansieht: Es gab
keine. Die Veränderung der Börse-, Anleihe- und Währungskurse blieb
innerhalb des "Grundrauschens" der Märkte, erst schlechte US-Daten am
Nachmittag brachten die Aktiennotierungen ins Schwimmen.
Damit zeigt sich jetzt zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, dass
das Gerede von der "Macht" der Ratingagenturen stark übertrieben ist.
Es ist an dieser Stelle ja schon einmal festgestellt worden:
Normalerweise geben nicht die Ratingagenturen die Richtung der Märkte
vor, sondern umgekehrt. Die Bewerter vollziehen nach, was auf den
Märkten längst Realität ist. Mit einer einzigen Ausnahme: Wenn es an
den Börsen gerade crasht, dann verschärft natürlich jede weitere
schlechte Nachricht überproportional den Abwärtstrend.
Die Erklärung dafür ist einfach: Natürlich machen Großanleger, die
mehrstellige Millionenbeträge in Staatsanleihen investieren ihre
eigene Bewertung der Schuldnerbonität. Was die Ratingagenturen im
Nachhinein noch liefern, ist das Absicherungsfeigenblatt. Damit
kommen wir zum Punkt: Die Verschlechterung des "Ausblicks" für
Österreich durch die Ratingagentur Moody's war nicht "unfair" oder
gar "unverständlich", wie man gestern allenthalben hörte. Sondern
sehr milde und freundlich. Denn im wirklichen Leben, dort, wo Ratings
unter Einsatz von Geld vorgenommen werden, hat Österreich sein Triple
A schon vor Monaten verloren.
Um das zu verifizieren, muss man nur die Liste der
Sekundärmarktrenditen für zehnjährige Staatsanleihen zur Hand nehmen.
Die Höhe dieser Renditen sagt aus, wie die Großinvestoren die Bonität
der einzelnen Länder einschätzen. Da gibt es eine Gruppe, die weniger
als 2,5 Prozent Zinsen "peckt": Dazu gehören Deutschland,
Großbritannien, die skandinavischen Länder und natürlich die Schweiz.
Interessanterweise haben diese bei der strengeren Ratingagentur S&P
alle ein Triple A. Dann gibt es eine zweite Gruppe mit
Anleiherenditen von 2,5 bis 5 Prozent. Da finden sich Österreich,
Frankreich, und Belgien. Sie verfügen bei S&P über ein marktkonformes
"Double A".
Dass die Staatsanleihezinsen in Europa (sogar jene für Griechenland)
in jüngster Zeit generell ein wenig gesunken sind, bedeutet noch
keine Bonitätsverbesserung. Es heißt nur, dass die
Milliardenliquiditätsspritzen der EZB für das Bankensystem Wirkung
zeigen. Deshalb haben sich auch die Anleiherenditen aller Euroländer
mehr oder weniger parallel auf die Benchmark - das ist der deutsche
Anleihezins - zubewegt.

Es würde Österreich also gut anstehen, nicht darüber zu meckern, dass
man nur noch die - immer noch sehr gute - zweitbeste Bonitätsnote
hat. Sondern echte Maßnahmen zu setzen, um wieder in die erste Liga
zu kommen. Dazu reicht das gerade beschlossene (und im jüngsten
Moody's-Rating selbstverständlich schon eingerechnete) Spar- und
Belastungspaket leider nicht aus.
So viel Ehrlichkeit, das einzugestehen, müsste am Anfang eines echten
Sanierungskurses schon stehen. Leider überwiegt aber noch das
Nebelwerfen. Schön sichtbar beim - von den Ratingagenturen
bemängelten - Thema Osteuropa: Wahrscheinlich differenzieren die
Agenturen da wirklich zu wenig, und die heimischen Banken kommen dort
mit einem blauen Auge davon. Aber die immer wieder öffentlich
aufgestellte Behauptung, dort könne nichts passieren, weil die
vergebenen Kredite durch lokale Spareinlagen gedeckt werden, ist eine
abenteuerliche Missinformation: Das ist zwar fein für die
Refinanzierung der lokalen Bankentöchter - heißt im Falle
großflächiger Kreditausfälle aber gar nichts. Denn natürlich haften
nicht die Sparer für die Kredite der Bank. Sondern die Bank haftet
für die Einlagen der Sparer.
Im Ernstfall würde ein - derzeit eher unwahrscheinlicher -
Osteuropa-Crash also natürlich an den bankenrettenden
österreichischen Steuerzahlern hängen bleiben. Die Ratingagenturen
sehen das. Und man sollte sie für diese leider wahre Aussage nicht
prügeln.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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