TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 27. Jänner 2012 von Christian Jentsch "Gaddafis Tod macht noch keine Zukunft"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Das alte Libyen unter der Herrschaft Gaddafis ist Geschichte, das neue hat die Zukunft aus den Augen verloren. Die einstigen Helden der Revolution zerfleischen sich im Ringen um die Macht.

Als im August des Vorjahres Revolutionsbrigaden die Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle gebracht hatten, schien der Bann gebrochen. Die arabische Revolution hatte sich nach monatelangen Kämpfen nun auch in Libyen ihren Weg gebahnt - ein Weg, der in Richtung Freiheit weisen sollte. Mit Muammar Gaddafi war die Fratze des alten Systems besiegt, sein Tod Ende Oktober nach wochenlanger Hetzjagd sollte den endgültigen Sieg der Revolutionäre besiegeln. Doch nach den Freudenfeiern kehrte rasch Ernüchterung ein. Und heute steht das Land schon wieder am Rande eines Bürgerkriegs. Bei der Verteilung des Fells des Bären wurden aus früheren Verbündeten erbitterte Feinde. Zahlreiche bis auf die Zähne bewaffnete Milizen versuchen das entstandene Machtvakuum zu ihren Gunsten zu füllen. Im Kampf um Macht in Wirtschaft und Politik liefern sie sich heftige Gefechte. Schließlich sitzen die Libyer auf gewaltigen Erdöl- und Erdgasreserven. Ressourcen, auf die auch die Weltpolitik schielt. Schließlich fordern jene Staaten, die Gaddafi vom Thron gebombt haben, nun ihre Siegesdividende ein.
Von Aufbruch und Zukunftsvisionen ist das neue Libyen jedenfalls noch weit entfernt. Die verschiedenen Stämme ziehen längst nicht mehr an einem Strang, zwischen Islamisten und Säkularen öffnen sich tiefe Gräben. Der Übergangsrat, der den Weg zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ebnen soll, scheint die Kontrolle verloren zu haben.
Die Nachricht, dass Gaddafi-Anhänger ihre einstige Hochburg Bani Walid zurückerobert hätten, entpuppte sich als Falschmeldung. Laut UNO handelte es sich vielmehr um Kämpfe zwischen bewaffneten Einwohnern und Revolutionsmilizen, die nicht immer als Befreier, sondern oft auch als Besatzer empfunden werden. Zudem mehren sich die Berichte über Folter und Willkür in den libyschen Haftanstalten. Laut der UNO-Beauftragten für Menschenrechte, Navi Pillay, sollen Tausende angebliche Gaddafi-Anhänger in Geheimgefängnissen der Milizen schmachten. Amnesty International und die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sprechen von organisierter Folter. Libyen steht noch ein steiniger Weg bevor. Nach vier Jahrzehnten Diktatur fehlt es nicht nur an demokratischen Institutionen und einem landesweit akzeptierten Sicherheitsapparat. Auch das Ziel von gestern - ein Aufbruch in Richtung Selbstbestimmung - scheint im Poker um die Macht von morgen unter die Räder zu kommen. Ein toter Gaddafi macht eben noch keine Zukunft.

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