- 25.01.2012, 18:12:24
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Die Presse - Leitartikel: "Neulich, im Gasthaus zur galoppierenden Geldentwertung", von Franz Schellhorn
Ausgabe vom 26.01.2012
Wien (OTS) - Die Weltbank lobt das "europäische Modell", empfiehlt
aber, für dessen Erhalt mehr zu arbeiten. Arbeitsscheue Bürger sind
allerdings das geringere Problem.
Europa blickt dieser Tage wieder besonders gern nach Amerika.
Erfreulich ist für viele Bewohner des wohlhabendsten Teils der Erde
nicht nur, dass in den Reihen der Republikaner noch kein
Herausforderer zu erblicken ist, der Barack Obama wirklich gefährlich
werden könnte. Womit dem politischen Darling der Europäer eine
weitere Amtszeit sicher scheint.
Ziemlich freuen wird viele Europäer aber auch, dass in den USA die
Begeisterung für den "europäischen Weg" wächst. So lobt die in
Washington ansässige Weltbank in einer Studie nicht nur den hohen
ökonomischen Standard Europas, sondern auch den lebensphilosophischen
Zugang: Während US-Bürger lebten, um zu arbeiten, würden Europäer
arbeiten, um zu leben. Und das, so urteilen die Experten der Weltbank
sinngemäß, sei ja nicht das Schlechteste.
Womit sie zweifellos recht haben. Der Sinn wachsender Produktivität
ist ja, in weniger Arbeitszeit mehr Wohlstand zu schaffen, um mehr
Zeit und Geld für jene Dinge zur Verfügung haben, die das Leben noch
schöner machen.
Nicht ganz falsch liegen die Weltbank-Experten auch mit ihrer offenen
Kritik, wonach es die Europäer mit ihrem "Dolce far niente"
vielleicht ein wenig übertrieben hätten. Wir, so befindet Washington
in aller Höflichkeit, sollten wieder etwas mehr "hackeln", um unser
Wohlstandsniveau nachhaltig abzusichern. Und ja: Nirgendwo in der
industrialisierten Welt sind die Jahresurlaube länger und die
Wochenarbeitszeiten kürzer als in Europa, so, wie auch nirgendwo
jünger in Rente gegangen wird.
Nun wäre es eine gute Idee, ein paar Stunden Freizeit für den Erhalt
eines Systems zu opfern, das jene auffängt, die arbeiten wollen, aber
nicht können. So banal ist die Sache jedoch nicht. Der "europäische
Weg" wird nämlich weniger von arbeitsscheuen Bürgern verstellt,
sondern vielmehr von jenen, die das europäische Modell in seinem
Grundsatz nicht mehr verstehen. Sie verwechseln ein allein auf
intellektueller und ökonomischer Leistungsfähigkeit seiner Bürger
beruhendes Solidarsystem mit einem prall gefüllten Bankomaten, der
von jenen geleert wird, die ihren Traumjob nicht finden können.
Das Missverständnis Europa offenbart sich nicht zuletzt an den
eindringlichen Warnungen vor den verheerenden Verwüstungen, die
"harte Sparprogramme" der Nationalstaaten nun anzurichten drohen.
Dabei ist unbestritten, dass Europa vor allem Wachstum braucht, um
wieder auf die Beine zu kommen. Aber zu glauben, dieses Wachstum
könne von kreditfinanzierten Staatsausgaben kommen, ist Sinnbild
jenes Irrweges, den Europa seit Jahrzehnten mit festem Tritt
beschreitet. Ein Irrweg gepflastert mit sozialen Segnungen, die nicht
zu bezahlen sind. Gespendet von zweifelhaften Politikern, die das
Wohl des Staates propagieren, aber die eigene Wiederwahl meinen.
Also genießt Europa heute ein Wohlstandsniveau, das nicht
erwirtschaftet wurde, sondern geliehen ist. Wenn das geborgte Geld
nicht zurückgezahlt werden kann, weil über beide Ohren verschuldete
Staaten von einer Finanzkrise an den Rand des Abgrunds gedrängt
werden, gibt es genau zwei Möglichkeiten: Die Wohlstandsillusion wird
korrigiert, mit dem Risiko, die Konjunktur weiter zu schwächen. Oder:
Die Schuldenparty wird prolongiert, um das Wachstum hochzuhalten.
Verbunden mit dem Risiko, dass mit den Schuldenbergen auch die
Zinslast wächst, wodurch der Staatshaushalt noch stärker unter Druck
kommt und man erst recht bei Option eins landet.
Deshalb versucht es Europa mit Option drei: Sie lässt in den Kellern
der Europäischen Zentralbank Geld drucken, mit dem Großbanken günstig
europäische Staatsschulden aufkaufen, um ein "Kaputtsparen" zu
verhindern. Europa hat damit den bequemen, aber brandgefährlichen Weg
genommen. An dessen Ende wartete auf die vergnügte Wanderschaft bis
dato nämlich noch immer das "Gasthaus zur galoppierenden
Geldentwertung". Aber wer weiß, vielleicht ist es dieses Mal ja
anders. Zu hoffen wäre es, zumal wenig dafür spricht.
Vielmehr scheint der Glaube an eine alles gutmachende staatliche
Alchimie Europas Wohlstand stärker zu bedrohen als zu kurze
Arbeitszeiten. Zumal diese Alchimie nicht die Lösung des Problems
ist. Sondern deren Ursache.
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