Leitl: Berufsakademien könnten Teil der Lösung gegen Fachkräftemangel werden

Töchterle: Duale Ausbildung in Österreich absolutes Stärkefeld

Wien (OTS/PWK051) - Anlässlich einer Diskussionsveranstaltung
mit Wissenschafts- und Forschungsminister Karlheinz Töchterle zum Thema "Wie viel Wirtschaft braucht die Wissenschaft? - Berufliche Aus- und Weiterbildung auf Hochschulebene" betonte Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl, dass Österreich im Bildungsbereich zwar viel Gutes zu bieten habe, "in Hinblick auf die aktuelle Situation, insbesondere die künftige demographische Entwicklung und den Trend zur höheren Ausbildung, im Bereich der Akzeptanz der dualen Ausbildung aber dringenden Reformbedarf hat". So werde die Zahl der Lehrlinge in den kommenden 14 Jahren von derzeit 40.000 auf 24.000 absinken. Daraus entstehen ein eklatanter Facharbeitermangel und die mögliche Abwanderung von Betrieben. "Der Wirtschaftsstandort Österreich und unsere duale Berufsbildung - als ein wichtiger Standortfaktor - sind dadurch ernsthaft in Gefahr", warnt Leitl.

Wissenschaftsminister Töchterle unterstrich, "dass wir uns in unserem Bildungssystem viel zu sehr an den Schwächen festbeißen und die Stärken zu wenig schätzen". Als eine absolute Stärke führte Töchterle die duale Ausbildung an. Auch die heimischen Universitäten würden vielfach Stärken aufzeigen - "diese Stärken müssen wir weiter stärken und gezielt ausbauen". Generell sprach sich der Minister dafür aus, die Universitäten in erster Linie qualitativ und die Fachhochschulen qualitativ und gerade auch quantitativ auszubauen. Weiters bekräftigte Töchterle, dass Universitäten vor allem Stätten der Spezialbildung sind und eine breite Allgemeinbildung als wichtige Basis bereits im Sekundarbereich angesiedelt sein müsse.

Um dem von Leitl skizzierten Drohszenario entgegenzutreten, "muss die Attraktivität der Lehre gesteigert und die Möglichkeit der Durchlässigkeit in den tertiären Sektor gegeben werden", so der WKÖ-Präsident. Leitl: "Das heißt aber nicht, dass noch mehr Studierende die Universitäten überrennen sollen. Wir denken vielmehr an eine Aufwertung der Berufsbildung auf Hochschulebene in Form von Berufsakademien." Dazu solle - wie im Papier der Sozialpartner festgehalten - der Bedarf erhoben werden. Bestehende Abschlüsse wie Meister, Werkmeister oder Diplome von Fachakademien sollen durch die Berufsakademie in ihrer Sichtbarkeit und damit Attraktivität gestärkt werden. Zusätzlich soll auf Basis der Abschlüsse von Berufsakademien Höherqualifizierungen angeboten werden, die mit einem Bachelor abschließen und auch den Übertritt in den tertiären Bildungsbereich ermöglichen. Leitl: "Universitäten und Fachhochschulen sollen nicht zusätzlich belastet werden. Die Berufsakademie wäre als 'dritte Säule' eine gleichwertige, aber andersartige Alternative." Voraussetzung für den Einstieg in eine Berufsakademie ist der Abschluss der Sekundarstufe II, Matura oder Studienberechtigungsprüfung sind nicht erforderlich.

Die Bedeutung der Lehrausbildung legte Rudolf Strahm, Präsident des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung, dar. Beim Vergleich der Jugendarbeitslosigkeit in Europa steigen Länder mit dualen Ausbildungssystemen, wie die Schweiz, Österreich, Deutschland, Dänemark oder die Niederlande gegenüber jenen Ländern, die eine solche nicht anbieten, viel besser ab. Strahm: "Im Durchschnitt der EU-27 beträgt die Jugendarbeitslosigkeit über 20%, in den genannten Ländern jedoch nur rund 8%. Wer eine duale Lehrausbildung erfolgreich absolviert hat, unterliegt einem dreimal kleinerem Risiko langzeitarbeitslos zu werden." Auch wenn Ökonomen dazu neigen, das Wirtschaftswachstum ins Zentrum ihrer Betrachtung zu rücken, ist es doch die berufliche Integration möglichst vieler Erwerbstätiger, die seiner Auffassung nach dieser Wirtschaftswachstum erst möglich macht, und hier liege der Betrag der Bildungspolitik. Ein großes Problem sieht Strahm derzeit noch in der europaweiten Anerkennung der tertiären Fachhochschulabschlüsse, die noch nicht existiere. "Bei einer etwaigen Einführung von Berufsakademien in Österreich müsse das berücksichtigt werden und schon vorab sichergestellt sein, dass die Abschlüsse zumindest europaweit anerkannt werden", riet Strahm abschließend.

An der anschließenden Podiumsdiskussion, die gestern im Haus der Wirtschaft über die Bühne ging, nahmen neben dem Schweizer Strahm auch Katharina Cortolezis-Schlager (Wissenschaftssprecherin der ÖVP), Kurt Grünewald (Wissenschaftssprecher der Grünen), Gerald Bast (Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien), Helmut Holzinger (Präsident der österreichischen Fachhochschulkonferenz) und Thomas Mayr (GF des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft) teil. Präsident Holzinger führte aus, dass die Anzahl jener Studierenden, welche mit einem nichttraditionellen Bildungsweg an die Fachhochschulen kommen, trotz redlicher Bemühungen und Bewerbung der Fachhochschulen, stagniere und somit der Bedarf zu überprüfen sei. Abgeordnete Cortelzis-Schlager brachte das Anliegen der Berufsakademie in weiterer Folge der Diskussion auf den Punkt:
"Genauso wie unser Bildungswesen im Sekundarbereich II im Kern die drei Säulen Allgemeinbildende und Berufsbildende Schulen sowie das Duale System beinhalten, benötigen wir auch Hochschulebene eine gleichwertige Entsprechung und dies bedeutet, dass wir im Sinne des Grundsatzes 'kein Abschluss ohne Anschluss' neben den Universitäten und den Fachhochschulen die Berufsakademie als zusätzliches Studienanbot benötigen." (BS)

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