• 24.01.2012, 18:21:40
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Die Presse - Leitartikel: "Endlich einmal ein guter Tag für Österreichs Hochkultur!", von Barbara Petsch

Ausgabe vom 25.01.2012

Wien (OTS) - Die derzeitige Staatsopernführung bleibt Wien
erhalten, ebenso Burgtheater-Direktor Hartmann. Und Roland Geyer geht
nicht nach Bregenz. Das ist sinnvoll.

Kulturpolitik besteht in diesem Land vor allem aus Streit ums Geld -
sowie der Frage, wie man kürzen soll. Wo Kulturpolitiker punkten
können, das ist seit ewigen Zeiten: Besetzungen, Direktoren. Diese
Chance hat die Ex-Bankerin und Kulturministerin Claudia Schmied von
Beginn an erkannt. Sie setzte als Staatsopernführung Dominique Meyer
und Franz Welser-Möst gegen den Willen des damaligen Bundeskanzlers
Gusenbauer durch, der dem Tenor Neil Shicoff Versprechungen gemacht
hatte. Nun hat Schmied die Verträge von Meyer und
Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann verlängert. Meyer muss zwar
noch mit Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst handelseinig werden,
aber das ist wohl nur mehr eine Formsache. Denn Welser-Möst freut
sich in der Aussendung des Ministeriums bereits auf die weitere
Zusammenarbeit mit der Staatsoper.
Eine versteckte Botschaft enthalten die Verlautbarungen trotzdem:
Meyers Vertrag läuft bis 2020, jener von Welser-Möst bis 2018, mit
einer Option auf Verlängerung bis 2020, die bis 2015 eingelöst werden
muss. Klingt kompliziert, könnte aber heißen, dass Welser-Möst,
dessen Kontrakt mit dem Cleveland Orchestra bis 2018 läuft, der
nächste Wiener Operndirektor wird, mit einem von ihm ausgewählten
Manager, z. B. mit dem an der Hamburg Elbphilharmonie vom
Baustellenpech verfolgten ehemaligen
Wiener-Konzerthaus-Generalsekretär Christoph Lieben-Seutter. Zu viel
Zukunftsmusik? Nicht unbedingt.
In Zeiten von Sparpaketen und Wirtschaftskrise kann man nicht
vorsichtig genug sein mit der rechtzeitigen Sicherung der Zukunft von
Österreichs großen Kulturtankern. Hier agiert Schmied konservativ,
aber sehr geschickt. Meyer und Hartmann sorgen für volle Häuser.
Beide übertrafen die ohnehin schon beachtlichen Auslastungszahlen
ihrer Vorgänger. Das ist heutzutage die Voraussetzung für alles. Bei
den Bundestheatern wurde ein Spar- bzw. "Optimierungspotenzial" von
12,4 Millionen Euro festgestellt. Da kann der hierzulande
hochgehaltene Repertoirebetrieb, der das Teuerste an den
Staatstheatern ist, schnell abgeschafft sein, wenn die politische
Diskussion schrill wird. Solange die Theater aber voll sind, fällt
das Wort Umstrukturierung schwerer. Wie sieht es denn nun
künstlerisch aus? Hartmann fährt am Burgtheater einen kulinarischen
Kurs auf hohem Niveau, das Programm ist manchen "zu nett", aber die
Menschen strömen herbei und scheinen den gesellschaftspolitischen
Furor früherer Tage nicht zu vermissen.
In der Staatsoper war Meyers Erneuerung der Mozart-Produktionen
umstritten, vor allem bei seinem Generalmusikdirektor. Die
Begeisterung über andere Inszenierungsentscheidungen hält sich in
Grenzen. Immerhin wurde das Regieproblem angepackt. Inszenierungen
sorgen fast immer für Unmut. Das Schauspiel hat sich vom Primat des
Wortes längst zugunsten der Bilder verabschiedet. Das kann die Musik
niemals tun. In der Staatsoper wird es immer wichtiger sein, was sich
im Orchestergraben abspielt, da wird kein noch so spektakuläres
Kostüm etwas daran ändern.

Die Entscheidungen in der Staatsoper und im Burgtheater sind also zu
begrüßen, wenn sie auch nicht direkt überraschen. Überraschend ist
höchstens, dass die Differenzen zwischen Meyer und Welser-Möst
offenbar doch nicht so gravierend sind, wie kolportiert wurde.
Vielleicht haben sich die beiden pragmatisch gefunden. Den
Opernbetrieb wird Stardirigent Welser-Möst ja wohl kaum allein
balancieren wollen.
Aber noch eine weitere Nachricht freut an diesem Tag des zumindest
vordergründigen kulturpolitischen Erdrutsches: Roland Geyer,
Intendant der Oper im Theater an der Wien, wechselt nicht zu den
Bregenzer Festspielen. Auch aus finanziellen Gründen. Gleichviel. Die
Bregenzer werden eine passende Lösung finden. Und Geyer kann
weiterhin der Staatsoper belebende Konkurrenz machen, speziell
szenisch, optisch.
Wenn wir uns etwas wünschen dürften: Matthias Hartmann möge hin und
wieder richtig widerborstig sein und nicht nur Everybody's Darling.
Und die Erneuerung des Staatsopern-Repertoires möge zügig
voranschreiten.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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