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Die Presse - Leitartikel: "Die Endphase im Ringen um die iranische Bombe hat begonnen", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 24.01.2012
Wien (OTS) - Wenn das Ölembargo nicht wirkt, gibt es nur noch zwei
Optionen. A: Militärschläge gegen Irans Atomanlagen. Oder B: Die Welt
duldet die Bombe der Mullahs.
Das Arsenal der Sanktionsmöglichkeiten gegen den Iran leert sich.
Diverse Einreiseverbote sind verhängt, verschiedenste Konten
gesperrt, und jetzt beschlossen die EU-Außenminister auch noch ein
Ölembargo. Ziel der Strafmaßnahme sei es, die Iraner zu einer
Verhandlungslösung im Dauerstreit um deren Atomprogramm zu bewegen,
beteuerte die EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton.
Dahinter steckt die Idee, oder vielmehr: die Hoffnung, dass Irans
Regime irgendwann einmal die Finger vom Bau einer Atombombe lassen
muss, wenn die diplomatische Herdplatte nur heiß genug ist.
Tatsächlich hat Europa nun die Temperatur so hinaufgedreht wie nie
zuvor. Mit dem Ölembargo, das spätestens ab 1. Juli voll in Kraft
treten soll, fügt die wirtschaftlich angeschlagene Union nicht nur
Teheran Schmerzen zu, sondern auch sich selbst. Denn schon jetzt, bei
einem Ölpreis von 110 Dollar pro Fass, rotieren die Ziffernblätter an
den Zapfsäulen beunruhigend schnell.
Das Endspiel hat begonnen. Die Berichte der Internationalen
Atomenergiebehörde werden eindringlicher. Immer noch schwört das
iranische Regime Stein und Bein, keine Bombe bauen zu wollen. Doch
die Last der Indizien wird von Mal zu Mal drückender. Warum die
hochgradige Anreicherung des Urans, warum die Tests mit
hyperschnellen Zündern, warum Neutronen-Initiatoren, warum
Hohlkugeln? Damit hantiert nur, wer einen Nuklearsprengsatz basteln
will.
Sanktionen, Sabotage und gutes Zureden haben bisher nichts geholfen.
Der Iran hat sein Atomprogramm weiter vorangetrieben. Wenn, was
letztlich zu erwarten ist, auch das Ölembargo keine
Verhaltensänderung bewirkt, liegen praktisch nur noch zwei Optionen
auf dem Tisch: Die eine läuft darauf hinaus, die iranische Bombe zu
dulden, so wie man auch die chinesische, pakistanische oder auch
israelische akzeptiert hat. Die andere Möglichkeit besteht darin, das
Atomprogramm mit militärischen Mitteln zurückzuwerfen. Ein "idealer"
Zeitpunkt dafür könnte aus israelischer Sicht der US-Wahlkampf sein.
Präsident Obama wäre aus innenpolitischen Gründen gezwungen, sich
hinter einen etwaigen israelischen Angriff auf iranische
Nuklearanlagen zu stellen.
Eine atomare Bewaffnung des Iran hinzunehmen wäre aus vier triftigen
Gründen unratsam. Erstens käme angesichts der iranischen
Regionalmachtbestrebungen ein turbulenter Rüstungswettlauf am Golf in
Gang. Zweitens bestünde die akute Gefahr, dass der Iran die
Atomwaffentechnologie an Verbündete weiterreichen würde. Drittens
erhöhte sich schon rein mathematisch das Risiko eines Atomkriegs, je
mehr Akteure über solche Waffen verfügen. Viertens, und das ist der
wesentliche Punkt, kann man bei der Führung der Islamischen Republik
einfach nicht sicher sein, ob sie rational handelt. Diese Ahnung muss
jeden beschleichen, der einmal eine der seltsamen Reden von
Ahmadinejad, samt Auslöschungsdrohungen gegen Israel, vom Anfang bis
zum Ende gehört hat.
Und die Alternative? Niemand forciert derzeit ernsthaft
Militärschläge gegen Irans Atomanlagen; Israel droht zwar regelmäßig
damit, aber seine Geheimdienste warnen auch mindestens ebenso oft
davor. Erstens schlüge Irans Regime über seine Stellvertreter und
verbündeten Terrorgruppen zurück (allerdings nur bei einem
selbstmörderischen irrationalen Aussetzer in einem Ausmaß, das seinen
eigenen Bestand gefährdet). Zweitens triebe eine solche Aktionen den
Ölpreis weiter nach oben. Drittens könnte die iranische Regierung
(für eine kurze Zeit) das Volk hinter sich scharen; die Hardliner
wären gestärkt, aber das sind sie jetzt auch schon. Viertens wäre das
über das ganze Land verteilte und teils unterirdisch versteckte
iranische Atomprogramm nach Luftangriffen vielleicht geschwächt, aber
sicher nicht ausgelöscht.
Es wäre wieder nur Zeit gewonnen. Im Zweifel wäre dies jedoch einem
noch unberechenbareren Szenario vorzuziehen: einem Iran mit
Atombomben.
So weit muss es nicht kommen. Wenn das Ölembargo wirkt, wenn der Iran
einlenkt und den umstrittenen Teil seines Atomprogramms einstellt. Es
ist möglicherweise die letzte Hoffnung, bevor sich die Wahl zwischen
zwei schrecklichen Optionen stellt.
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