DER STANDARD-Kommentar "Gingrich newtralisiert Romney" von Christoph Prantner

Im Vorwahlkampf der Republikaner kommt doch noch so etwas wie Spannung auf /// Ausgabe vom 23.1.2012

Wien (OTS) - Mitt Romney hat die bisher schlechteste Woche seiner Wahlkampagne hinter sich gebracht. Sie war garniert mit Vorwürfen, dass er als Multimillionär weniger Steuern zahle als die Durchschnittsamerikaner. In Iowa entzog ihm die dortige republikanische Partei den so enthusiastisch gefeierten Vorwahlsieg. Und nun erlitt er in South Carolina, wo er vor wenigen Tagen in Umfragen noch weit voranlag, eine _demütigende Niederlage gegen Newt Gingrich. Das Ergebnis ließ Analysten zu dramatischen Metaphern greifen: "eine politische Nahtoderfahrung".
Auch wenn man nicht so überschießend formulieren möchte, sicher ist:
Gingrich hat Romney sozusagen newtralisiert. Er hat seinen Zug zur Nominierung unterbrochen, seinem in den US-Wahlkämpfen vielbeschworenen Momentum die Luft ausgelassen, den Ex-Gouverneur und Manager wieder auf einen Normalkandidaten-Status geschrumpft. Anders gesagt: Er hat den Vorwahlkampf der Republikaner wieder spannend gemacht.
Gingrich repräsentiert all das, was Romney nicht ist: Er ist zornig, schlagfertig, witzig und nicht nur in der Lage, sondern auch willens, wenn nötig gnadenlos mit Dreck auf andere zu werfen. Er hat Leidenschaft. Er schimpft auf "Elite-Medien" und seift sie gleichzeitig ein. Und erstaunlicherweise schafft Gingrich es, obwohl er im Gegensatz zu Romney sein halbes Leben in Washington verbracht hat, seinen Gegner als den Kandidaten des Establishments aussehen zu lassen und protestgestimmte Parteigenossen für sich einzunehmen.
In South Carolina hat Gingrich in _allen relevanten demografischen Gruppen gegen Romney gewonnen. Auch bei den Frauen, Religiösen und Fiskalkonservativen. Dass seine Ex-Frau Marianne wenige Tage vor der Wahl ein Interview gab, in dem sie Gingrich als ehebrechenden Lüstling darstellte, konnte ihm nichts anhaben. Genauso wenig blieb an ihm hängen, dass er insgesamt 1,6 Millionen Dollar vom US-Immobilienfinanzierer Freddie Mac als Honorar annahm, der in der Subprime-Krise mit Milliarden und Abermilliarden Staatsgeld gerettet werden musste. Viele Beobachter glauben deswegen, der Brachialwahlkämpfer könne sich nur selbst, durch eine unbedachte Äußerung, ein Bein bei den Primaries stellen.
Dennoch: Auch nach South Carolina, der Favorit für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Grand Old Party bleibt Mitt Romney. Gingrich hat trotz einer Cash-Infusion durch den Milliardär Sheldon Adelson deutlich weniger Mittel zur Verfügung als sein schwerreicher Rivale. Dazu betreibt Romney einen viel größeren Apparat, der auf längere Fristen ausgerichtet und bereits in Bundesstaaten aktiv ist, die Gingrichs Leute noch wenig bis gar nicht beackert haben. Daneben will Romneys Kampagne, so ließ sie am Wochenende zumindest durchklingen, den Angriffen auf dessen Steuermoral durch die Offenlegung von Dokumenten möglichst bald die Spitze nehmen.
Florida, die nächste Station der Vorwahlen, ist als Bundesstaat deutlich heterogener als South Carolina. Dort wird es nötig sein, Unabhängige, Pensionisten und Hispanics als Wähler anzusprechen. Für Romney wird es einfacher werden als in einem klassischen Südstaat. Gingrich wird mit einer noch schmutzigeren Kampagne gegenhalten und der Abstimmung eine Art Endspielcharakter geben: High Noon im Sunshine State. Republikanische Langeweile, das war einmal.

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